„Solange das Lesen für uns der Initiator ist, dessen Zauberschlüssel uns in die Tiefe unseres Selbst das Tor zu Räumen öffnet, in die wir sonst nicht einzudringen vermocht hätten, ist seine Rolle in unserem Leben heilsam. Gefährlich dagegen wird das Lesen, wenn es, statt uns für das persönliche Wesen des Geistes wach zu machen, versucht, sich an dessen Stelle zu setzen; wenn die Wahrheit uns nicht mehr als Ideal erscheint, das wir nur durch das innere Fortschreiten unseres Denkens und durch die Bemühung unserer Seele verwirklichen können, sondern als etwas Materielles, das auf den Seiten der Bücher abgelagert ist wie ein von anderen fertig zubereiteter Honig, den wir nur aus den Regalen der Bibliothek zu nehmen und dann passiv in vollkommener Ruhe des Körpers und des Geistes zu verzehren brauchen.“ (Marcel Proust, Tage des Lesen, in der Übersetzung von Helmut Scheffel).
Schöner hätte ich die Gedanken nicht ausdrücken können. Ich habe mich bereits in einigen Essays mit dem Lesen beschäftigt, es gepriesen, insbesondere, weil es heutzutage aus der Mode gefallen zu sein scheint; das Geschriebene verkommt im öffentlichen Raum zur Phrase, einem emotional aufgeladenen Spruch, einem Werbebanner für Produkte, Ideologien und politische Botschaften leicht verständlich und verdaulich doch subtil auf Unbewusstes zielend und deshalb so effizient. Die Formulierung solcher Wortfetzen ist eine neue Kunst, ohne dass man sie den schönen Künsten zurechnen darf, weil sie nicht die Reflexion, das Denken, das ästhetische Empfinden sondern in erster Linie das limbische System anregen. In die Tiefen des praktischen Lebens ist Proust in seinem gelungenen Essay nicht hinabgestiegen.
Als ich über den Unterschied zwischen dem Lesen und dem - nennen wir es mal - Konsum von Videos, Reels und anderen Arten von Bewegtbildern nachdachte, bin ich implizit von der Gültigkeit der oben von Proust so treffend formulierten Gedanken ausgegangen, denn beim Lesen haben wir größere Distanz zum dargebotenen Inhalt als beim Konsum von Bewegtbildern. Es kam mir nicht in den Sinn, daran zu zweifeln, dass das Lesen eines Buches, eines Essays oder eines Artikels „uns in“ der „Tiefe unseres Selbst das Tor zu Räumen öffnet, in die wir sonst nicht einzudringen vermocht hätten“. Doch auch ich baue Gelesenes unreflektiert in die eigenen Gedankengebäude ein, wenn es intuitiv meine Überzeugungen, Ideen, meinem Weltbild nahe kommt, dumpfe Gefühle nährt, die ich mir vielleicht nicht eingestehen will.
Wenn wir das Gehirn, als effiziente Maschine betrachten, wie das mancher Neurowissenschafter, Physiker oder Computerspezialist postuliert, dann liegt der Gedanke nahe, dass wir uns nur an Gelesenem stoßen, das nicht mit unserer Konstruktion der Umwelt, unseren Überzeugungen und daraus abgeleiteten Glaubenssätzen, der daraus destillierten Wahrheit im Einklang steht. Auch dabei eröffnen sich uns zwei Wege, die viele Autoren und Wissenschaftler bereits ausführlich diskutiert und erforscht haben. Eine emotionale Reaktion führt dazu, den Urheber des Geschriebenen zu diskreditieren oder wir setzen uns argumentativ mit dem unliebsamen Text, der unliebsamen Botschaft auseinander, üben uns im „innere(n) Fortschreiten unseres Denkens und durch die Bemühung unserer Seele“, um so zur Wahrheit zu streben, die immer nur ein Ideal sein kann. Die emotionale Reaktion nehmen wir, nehme ich vornehmlich bei anderen, aber selten bei uns bzw. bei mir selbst wahr. Wiewohl das von gesundem Selbstbewusstsein zeugt, führt doch nur der unbequeme, ineffiziente Weg zu einer erhabenen Position, von der aus man den Sachverhalt überblicken, sorgfältig bewerten oder das ästhetische Empfinden mehren kann.
Wie wir Lesen, ist eine Frage, die sich immer wieder zu stellen lohnt, genauso wie der Frage auf den Grund zu gehen, was ich lese bzw. was mich dazu bewegt, ein bestimmtes Buch, einen Essay, einen Artikel, einen Werbespruch oder ein Meme zu lesen, Fragen, die Proust in seinem Essay nicht erkundet. Marketingspezialisten interessieren sich aus beruflichen Motiven dafür, wie sie unsere Aufmerksamkeit erregen können, Tech-Firmen setzen auf immer ausgefeiltere KI Algorithmen, um uns möglichst lange in ihrem Netz zappeln zu lassen, Psychologen suchen nach wissenschaftlichen Kriterien Antworten. Wenn man nicht zum Lesen eines Buches oder eines Artikels gezwungen ist, sei es beruflich, sei es, weil uns das Plakat übergroß auf unserem Weg nach Hause anschreit oder auf dem Bildschirm ungewollt auftaucht, ist es dann nicht schon subversiv, auf eigene Faust zu erforschen, welche Lektüre unser Interesse weckt?
Auch wenn die Lesekultur den Rückzug angetreten zu haben scheint, ist doch die Leserin oder der Leser dieses Essays, bin ich, sind wir nicht die einzigen, die heutzutage noch lesen. Würden wir lesen, wenn zuerst das Radio, das Fernsehen, das Internet mit all den digital verfügbaren Filmchen und Videos auf dem Markt der Aufmerksamkeit Fuß gefasst hätten, lange bevor die Menschheit die Druckpresse und Bücher, die mitverantwortlich für die steigende Alphabetisierungsrate zeichnen oder digitale Texte erfunden hätte? Ich glaube zu wissen, dass das erste dechiffrierte Datenpaket, das über das World Wide Web übertragen wurde, Text war, kann mich aber auch täuschen. Text konnte damals von menschlichen Individuen decodiert werden; das digital notwendige Datenvolumen eines Textes ist ungleich geringer als die Codierung eines Bildes, geschweige denn eines Bewegtbildes. Wozu bräuchten wir die Schriftsprache, wenn die Technik deren Popularisierung übersprungen hätte? Die dunkle Prophezeiung, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft die Mehrheit der Menschheit Texte vorlesen und von digitalen Helfern jeder erdenklichen Art erstellen lassen wird - vielleicht diktiert sie der ein oder die andere noch -, könnte sich bald erfüllen; die digitalen Helfer brauchen die natürliche Sprache nicht. Lesen wir aus Gewohnheit, weil wir es in der Kindheit gelernt haben, warum erfüllt es mich? Der damit verbundenen Anstrengung wegen, die sich immer mehr verflüchtigt, je mehr wir lesen?
Ist es nicht faszinierend, was Lesen in uns auszulösen vermag? Es evoziert Bilder, Düfte, Geräusche, Töne, bittere, süße, saure Gaumenfreuden, lässt ganze Landschaften vor unserem inneren Auge aufblühen, uns Schmerz fühlen; dann lehnen wir uns zurück und werden der Fiktion gewahr. Wenn ein Autor Gedanken vor uns ausbreitet, können wir diese in dem uns eigenen Tempo nachvollziehen, darüber nachdenken, zustimmen, ablehnen oder diese als Sprungbrett für eigene Hirngespinste benutzen.
„… Auch die Göttliche Komödie und die Stücke Shakespeares vermitteln den Eindruck, dass man ein Stück als in die gegenwärtige Stunde eingeschlossene Vergangenheit betrachtet, den so erregenden Eindruck, der manche Tage des Lesens solchen des Flanierens durch Venedig gleichen lässt, auf der Piazetta zum Beispiel, wenn man vor sich in der halb irrealen Farbe von Dingen, die nur ein paar Schritte und doch viele Jahrhunderte entfernt sind, die beiden Säulen aus grauem und rosa Granit hat, von denen die eine auf ihrem Kapitell den Löwen des heiligen Markus, die andere den auf das Krokodil tretenden heiligen Theodorus trägt. …; ohne die rings um sie gesprochenen Sätze zu begreifen, bewahren sie weiter inmitten der Menge von heute ihre Tage aus dem 12. Jahrhundert auf diesem öffentlichen Platz, auf dem noch ganz in der Nähe, zerstreut ihr fernes Lächeln glänzt.“ (Marcel Proust, Tage des Lesen, in der Übersetzung von Helmut Scheffel).
Gleich werden wir uns zum Strand begeben. Dort werde ich Menschen sehen, die in der Sonne sitzen oder auf dem Badetuch liegen, Bücher in der Hand halten und lesen - es ist unwahrscheinlich, das jemand in die „Tage des Lesens“ von Proust vertieft ist-, während daneben Kinder kreischen, Eltern mit ihren Kindern, Jugendliche oder junge Erwachsene Ball spielen oder sich auf andere Weise nicht gerade in aller Stille amüsieren. Beneidenswert. Das könnte ich nicht.
Loupian, 20.06.2026
