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Aktuelle Essays

Die Zukunft der Superintelligenz

Mittwoch, 16. September 2026 · ...
In idyllischer Landschaft im Gehen ich döste.

Aus dem Nichts Fliegen trunken
um meinen Kopf schwirrten.
Blitze zuckten, Funken schlugen, 
ließen Arme und Hände
erratisch, beinahe panisch
durch die Luft fuchteln,
das Hirn verwirren,
den Glauben erschüttern
ans Gute in mir.

Hellwach und doch nicht bei mir
die ungewollt auftauchenden Wörter
wie die surrenden, schwirrenden Fliegen
das unmündig werdende Bewusstsein berühren,
zu keinem klaren, verwertbaren Gedanken führen,
das Denken, das Träumen kommt zum Erliegen,
das Ich wird ein auf die Umwelt reagierenden Körper,
die idyllische Landschaft erstirbt in mir.

Sieht das von außen
nicht lächerlich aus?
Die lästig umherschwirrenden Fliegen
tun dir doch nichts,
fallen im täglichen Leben und Lieben
doch kaum ins Gewicht.
Gleichwohl, sie sind überall und schüren
behende das Böse in mir.
Ach käme doch nur ein Sturm auf,

der mich vom Surren und Schwirren der Fliegen erlöste.

Pic St. Loup - Der Blick in die Weite

Dienstag, 15. September 2026 · ...
Der Pic St. Loup erhebt sich einsam aus einer hügeligen Wald- und Kulturlandschaft unweit der Hérault-Schlucht und der Grotte de Clamouse. Der Berg liegt etwa 20 bis 25 km nördlich von Montpellier und bot uns an einem warmen, sonnigen Septembertag einen Atem raubenden Blick in die Cévennes - der 658 m hohe Gipfel ist nur wandernd oder kletternd erreichbar -, die Tiefebene, das Meer, den endlosen Horizont, den tiefblauen Himmel; an klaren Tagen sieht man die Gipfel der Pyrenäen.
Wir fuhren mit dem Auto auf den Parkplatz von Cazevieilles. Von dort führt ein knapp 3 km langer Wanderweg durch bewaldetes und offenes Gelände auf dem felsigen Bergrücken auf den Gipfel. Wer den Pic St. Loup, insbesondere im Sommer, besuchen will, sollte sich am Tag davor nach 17.30 Uhr auf den einschlägigen Webseiten der Präfektur des Departements Hérault über die Waldbrandgefahr informieren, bei der höchsten Gefahrenstufe rot erst gar nicht hinfahren und sollte man aus Versehen dort angekommen sein, allein schon im eigenen Interesse die Absperrungen respektieren.
Gute Wanderschuhe sind empfehlenswert und senken das Verletzungsrisiko. In der Nähe des Gipfels geht man über abgewetzten Fels, der gut ausgezeichnete Pfad wird dort steil und technisch durchaus anspruchsvoll. Der Pic St. Loup ist ein sehr begehrtes Ausflugsziel in der Region. Infolgedessen trifft man bei schönem Wetter viele zwei- und vierbeinige Mitstreiter auf dem Weg nach oben. Die Vierbeiner tun sich leichter, sofern sie eine Mindestgröße nicht unterschreiten.
Hätten wir an jedem Aussichtspunkt Halt gemacht, um den Blick auf die Wälder, die Weinreben, die über die Tiefebene kreisenden Segelflieger oder das Meer zu genießen, hätten wir den Gipfel bis zum Abend nicht erreicht und wären vermutlich verdurstet. Die Gefahr, etwas zu verpassen ist gering, da das Gipfelplateau mit dem riesig wirkenden Gipfelkreuz mit einem 360 ° Rundumblick aufwartet; da die Gefahr zu stolpern größer ist, findet man im Gehen leicht zu sich selbst. Etwas unterhalb des Gipfels steht eine bescheidene Kapelle, die zur Einkehr einlädt, für die meisten wohl nur ein schattiger Platz oder ein willkommener Unterstand, wenn es regnet - der Gedanke kam mir unter tiefblauem Himmel nicht, sondern in der Morgendämmerung.
Der Blick in die Weite beruhigt den Atem und öffnet das Herz. Die innere Stimme schweigt und das Smartphone schrumpft auf die Größe eines Fotoapparats. Benutzt man ihn, um die Empfindungen einzufangen oder für sich und andere Zeugnis abzulegen, dass man hier war, vielleicht mit wem, den Moment lässt nur die trügerische und verblassende Erinnerung gerinnen, es sei denn man belebt sie hin und wieder im Erzählen, wobei sie sich jedes Mal verändert, weil es auf die Erinnerung nicht ankommt, sondern immer nur auf deren Bedeutung für das Hier und Jetzt und die ungewisse Zukunft.
Ein Stück Madeleine und eine Tasse Tee hatte ich auf dem Pic St. Loup nicht zur Hand, den Proviant vor dem Anstieg schon auf dem Parkplatz verzehrt und das Wasser aus der Plastikflasche löschte allenfalls dringende physiologische Bedürfnisse. Wasser im Gaumen traue ich die magische Kraft nicht zu, die Wanderung auf den Pic St. Loup, so wie ich sie erlebte, auferstehen zu lassen. So plane ich, dorthin zurückzukehren, bevor Körper und Geist in den finalen Streikmodus treten.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch - Von Fjodor Dostojewskij

Sonntag, 13. September 2026 · ...
In den Phantasien und Prognosen der Tech Gurus wird sich in der Ausbildung der Superintelligenz das reduktionistische Programm der futuristischen Naturwissenschaftler und Techniker des 19. Jahrhunderts, gegen das der Ich-Erzähler in Dostojewskijs Novelle „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ so vehement rebelliert und lebt, erfüllt haben.
Das Werk gliedert sich in zwei Abschnitte. Im ersten wendet sich der Protagonist an eine fiktive Leserin/ einen fiktiven Leser oder die Leserin/ den Leser, als wolle er ungefragt erläutern, was er für ein widerlicher Typ ist und was ihn im Leben bewegt. Ohne auf alle diskutierten Ideen eingehen zu wollen - das ist in dem kurzen Essay nicht möglich -, beschäftigten mich insbesondere drei Gedanken, die sich nach Ansicht des Ich-Erzählers gegenseitig bedingen. Im zweiten Abschnitt entwickelt der Ich-Erzähler aus persönlichen Begebenheiten eine Geschichte, die die anarchischen Elemente seines Lebensentwurfs zelebrieren.
Das Aufblühen der Naturwissenschaften und deren Anspruch, das Leben auf der Erde erklären, berechnen zu können, hat an Aktualität nichts eingebüßt. Physiker suchen auch heute noch das Gleichungssystem, aus dem sich alles andere rechnerisch ergibt. Schnell landet der Ich-Erzähler beim Thema Willensfreiheit und der Frage nach Gut und Böse. Wenn künstliche Intelligenzen mathematische Probleme lösen, an denen sich Mathematiker seit Jahrzehnten vergeblich abmühen, könnte man befürchten, dass eine solche in Kürze die Weltformel finden wird. Ob sie sie dann mit uns teilen wird? Menschliche Willensfreiheit und die Frage nach Gut und Böse wird dann sicher nicht zum Lösungsraum der künstlichen oder der Superintelligenz gehören, denn diese Themenbereiche wären dann obsolet. Genau diese Konsequenz heizt im Protagonisten das Fieber an.
Fortschritte auf den Gebieten der Naturwissenschaft und Technik nährten Mitte des 19. Jahrhunderts die Hoffnung, dass damit eine von Vernunft geleitete Weiterentwicklung von Mensch und Gesellschaft einherginge, die dem Paradies auf Erden bedrohlich nahe käme. Der Ich-Erzähler bezeichnet es als Kristallpalast - der Kristallpalast wurde für die Weltausstellung 1851 im Hyde Park in London errichtet, ab- und woanders wieder aufgebaut und dabei vergrößert, ehe er 1936 nach einer Explosion niederbrannte.
„Aber ein Gaul steht halt immer quer im Stall.“ Der erste Teil des Werkes liest sich im Nachhinein wie die Begründung für das teilweise schwer verständliche, oft erratisch wirkende Verhalten des Protagonisten im Laufe der im zweiten Teil erzählten Geschichte, verleiht ihr Sinn bzw. offenbart der Leserin/ dem Leser den Sinn im Tun des Protagonisten. Als ein Mittel, gegen die um sich greifende Fortschrittsgläubigkeit, die Berechenbarkeit des menschlichen Verhaltens aufzubegehren, sieht der Ich-Erzähler das Handeln gegen die eigenen Interessen. Er nimmt den eigenen Nachteil in seinem Tun und Lassen bewusst in Kauf.
Themen, die mich heute zunehmend beschäftigen, verhandelte Dostojewskij bereits vor 160 Jahren. Progressive Gemüter Mitte des 19. Jahrhunderts müssen geglaubt haben, dass die Menschheit heute weiter wäre. Es ist eher so, dass Dostojewskijs düstere Prognose aus dem Kellerloch, den Zustand des menschlichen Miteinanders im 21. Jahrhundert treffender vorhergesagt hat, als folgten Gesellschaften, Nationen gerade dem Beispiel des Bewohners des Kellerlochs. Das mag auf den ersten Blick weit hergeholt erscheinen, begegne ich dem Protagonisten doch manchmal mit gewisser Sympathie, während ich Wahlexzesse und imperialistischen Bestrebungen einzelner Nationen eher mit Skepsis und zunehmender Sorge betrachte.
Ein Unterschied zwischen dem Ich-Erzähler und sich selbst schädigenden sozialen Gruppierungen liegt darin, dass letztere sich auf Vernunft berufen und ersterer gerade nicht. Letztere bedienen eingängige Narrative, die wenige Facetten der Umwelt der Gruppierungen herausgreifen und zurecht gehauen wie Mosaiksteinchen in das jeweilige Narrativ einbetten. Ein das langfristige Überleben der Gruppierung sicherndes Bild der Umwelt kann so nicht entstehen.
Die teilweise widerlichen Lösungen der existenziellen Probleme des Menschseins, die sich der Ich-Erzähler verordnet, führen ihn nicht aus dem Kellerloch und der Isolation heraus. Das macht die Befunde sozialer Dynamiken nicht weniger relevant. „Nun probieren Sie es, geben Sie uns, meinetwegen, größere Selbständigkeit, Ellenbogenfreiheit, erweitern Sie das Tätigkeitsfeld, lockern Sie die Bevormundung, und wir … aber ich versichere Ihnen: wir werden sofort wieder um Bevormundung betteln. […] Es ist uns ja sogar lästig, Mensch zu sein - ein Mensch aus Fleisch und Blut; wir schämen uns dessen, halten es für eine Schmach und trachten lieber danach, irgendwelche phänomenalen Allgemeinmenschen zu sein. Wir sind Totgeborene […] und das gefällt uns immer besser. […] Bald werden wir soweit sein, dass wir von einer Idee gezeugt werden.“ (Aus „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Dostojewskij in der Übersetzung von Swetlana Geier)
Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften stehen auf phänomenologischen Beobachtungen und logischen Schlussfolgerungen von Menschen und inzwischen auch  Wahrscheinlichkeitsvoraussagen von Maschinen auf Basis gesammelter Erkenntnisse der Menschheit. Wenn das mal ausreicht, darauf ein Weltmodell zu errichten, das sich selbst Sinn verleiht.
Manifest

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