The Essay Collective

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Pic St. Loup - Der Blick in die Weite

Dienstag, 15. September 2026 · ...
Der Pic St. Loup erhebt sich einsam aus einer hügeligen Wald- und Kulturlandschaft unweit der Hérault-Schlucht und der Grotte de Clamouse. Der Berg liegt etwa 20 bis 25 km nördlich von Montpellier und bot uns an einem warmen, sonnigen Septembertag einen Atem raubenden Blick in die Cévennes - der 658 m hohe Gipfel ist nur wandernd oder kletternd erreichbar -, die Tiefebene, das Meer, den endlosen Horizont, den tiefblauen Himmel; an klaren Tagen sieht man die Gipfel der Pyrenäen.
Wir fuhren mit dem Auto auf den Parkplatz von Cazevieilles. Von dort führt ein knapp 3 km langer Wanderweg durch bewaldetes und offenes Gelände auf dem felsigen Bergrücken auf den Gipfel. Wer den Pic St. Loup, insbesondere im Sommer, besuchen will, sollte sich am Tag davor nach 17.30 Uhr auf den einschlägigen Webseiten der Präfektur des Departements Hérault über die Waldbrandgefahr informieren, bei der höchsten Gefahrenstufe rot erst gar nicht hinfahren und sollte man aus Versehen dort angekommen sein, allein schon im eigenen Interesse die Absperrungen respektieren.
Gute Wanderschuhe sind empfehlenswert und senken das Verletzungsrisiko. In der Nähe des Gipfels geht man über abgewetzten Fels, der gut ausgezeichnete Pfad wird dort steil und technisch durchaus anspruchsvoll. Der Pic St. Loup ist ein sehr begehrtes Ausflugsziel in der Region. Infolgedessen trifft man bei schönem Wetter viele zwei- und vierbeinige Mitstreiter auf dem Weg nach oben. Die Vierbeiner tun sich leichter, sofern sie eine Mindestgröße nicht unterschreiten.
Hätten wir an jedem Aussichtspunkt Halt gemacht, um den Blick auf die Wälder, die Weinreben, die über die Tiefebene kreisenden Segelflieger oder das Meer zu genießen, hätten wir den Gipfel bis zum Abend nicht erreicht und wären vermutlich verdurstet. Die Gefahr, etwas zu verpassen ist gering, da das Gipfelplateau mit dem riesig wirkenden Gipfelkreuz mit einem 360 ° Rundumblick aufwartet; da die Gefahr zu stolpern größer ist, findet man im Gehen leicht zu sich selbst. Etwas unterhalb des Gipfels steht eine bescheidene Kapelle, die zur Einkehr einlädt, für die meisten wohl nur ein schattiger Platz oder ein willkommener Unterstand, wenn es regnet - der Gedanke kam mir unter tiefblauem Himmel nicht, sondern in der Morgendämmerung.
Der Blick in die Weite beruhigt den Atem und öffnet das Herz. Die innere Stimme schweigt und das Smartphone schrumpft auf die Größe eines Fotoapparats. Benutzt man ihn, um die Empfindungen einzufangen oder für sich und andere Zeugnis abzulegen, dass man hier war, vielleicht mit wem, den Moment lässt nur die trügerische und verblassende Erinnerung gerinnen, es sei denn man belebt sie hin und wieder im Erzählen, wobei sie sich jedes Mal verändert, weil es auf die Erinnerung nicht ankommt, sondern immer nur auf deren Bedeutung für das Hier und Jetzt und die ungewisse Zukunft.
Ein Stück Madeleine und eine Tasse Tee hatte ich auf dem Pic St. Loup nicht zur Hand, den Proviant vor dem Anstieg schon auf dem Parkplatz verzehrt und das Wasser aus der Plastikflasche löschte allenfalls dringende physiologische Bedürfnisse. Wasser im Gaumen traue ich die magische Kraft nicht zu, die Wanderung auf den Pic St. Loup, so wie ich sie erlebte, auferstehen zu lassen. So plane ich, dorthin zurückzukehren, bevor Körper und Geist in den finalen Streikmodus treten.