The Essay Collective

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Aufzeichnungen aus dem Kellerloch - Von Fjodor Dostojewskij

Sonntag, 13. September 2026 · ...
In den Phantasien und Prognosen der Tech Gurus wird sich in der Ausbildung der Superintelligenz das reduktionistische Programm der futuristischen Naturwissenschaftler und Techniker des 19. Jahrhunderts, gegen das der Ich-Erzähler in Dostojewskijs Novelle „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ so vehement rebelliert und lebt, erfüllt haben.
Das Werk gliedert sich in zwei Abschnitte. Im ersten wendet sich der Protagonist an eine fiktive Leserin/ einen fiktiven Leser oder die Leserin/ den Leser, als wolle er ungefragt erläutern, was er für ein widerlicher Typ ist und was ihn im Leben bewegt. Ohne auf alle diskutierten Ideen eingehen zu wollen - das ist in dem kurzen Essay nicht möglich -, beschäftigten mich insbesondere drei Gedanken, die sich nach Ansicht des Ich-Erzählers gegenseitig bedingen. Im zweiten Abschnitt entwickelt der Ich-Erzähler aus persönlichen Begebenheiten eine Geschichte, die die anarchischen Elemente seines Lebensentwurfs zelebrieren.
Das Aufblühen der Naturwissenschaften und deren Anspruch, das Leben auf der Erde erklären, berechnen zu können, hat an Aktualität nichts eingebüßt. Physiker suchen auch heute noch das Gleichungssystem, aus dem sich alles andere rechnerisch ergibt. Schnell landet der Ich-Erzähler beim Thema Willensfreiheit und der Frage nach Gut und Böse. Wenn künstliche Intelligenzen mathematische Probleme lösen, an denen sich Mathematiker seit Jahrzehnten vergeblich abmühen, könnte man befürchten, dass eine solche in Kürze die Weltformel finden wird. Ob sie sie dann mit uns teilen wird? Menschliche Willensfreiheit und die Frage nach Gut und Böse wird dann sicher nicht zum Lösungsraum der künstlichen oder der Superintelligenz gehören, denn diese Themenbereiche wären dann obsolet. Genau diese Konsequenz heizt im Protagonisten das Fieber an.
Fortschritte auf den Gebieten der Naturwissenschaft und Technik nährten Mitte des 19. Jahrhunderts die Hoffnung, dass damit eine von Vernunft geleitete Weiterentwicklung von Mensch und Gesellschaft einherginge, die dem Paradies auf Erden bedrohlich nahe käme. Der Ich-Erzähler bezeichnet es als Kristallpalast - der Kristallpalast wurde für die Weltausstellung 1851 im Hyde Park in London errichtet, ab- und woanders wieder aufgebaut und dabei vergrößert, ehe er 1936 nach einer Explosion niederbrannte.
„Aber ein Gaul steht halt immer quer im Stall.“ Der erste Teil des Werkes liest sich im Nachhinein wie die Begründung für das teilweise schwer verständliche, oft erratisch wirkende Verhalten des Protagonisten im Laufe der im zweiten Teil erzählten Geschichte, verleiht ihr Sinn bzw. offenbart der Leserin/ dem Leser den Sinn im Tun des Protagonisten. Als ein Mittel, gegen die um sich greifende Fortschrittsgläubigkeit, die Berechenbarkeit des menschlichen Verhaltens aufzubegehren, sieht der Ich-Erzähler das Handeln gegen die eigenen Interessen. Er nimmt den eigenen Nachteil in seinem Tun und Lassen bewusst in Kauf.
Themen, die mich heute zunehmend beschäftigen, verhandelte Dostojewskij bereits vor 160 Jahren. Progressive Gemüter Mitte des 19. Jahrhunderts müssen geglaubt haben, dass die Menschheit heute weiter wäre. Es ist eher so, dass Dostojewskijs düstere Prognose aus dem Kellerloch, den Zustand des menschlichen Miteinanders im 21. Jahrhundert treffender vorhergesagt hat, als folgten Gesellschaften, Nationen gerade dem Beispiel des Bewohners des Kellerlochs. Das mag auf den ersten Blick weit hergeholt erscheinen, begegne ich dem Protagonisten doch manchmal mit gewisser Sympathie, während ich Wahlexzesse und imperialistischen Bestrebungen einzelner Nationen eher mit Skepsis und zunehmender Sorge betrachte.
Ein Unterschied zwischen dem Ich-Erzähler und sich selbst schädigenden sozialen Gruppierungen liegt darin, dass letztere sich auf Vernunft berufen und ersterer gerade nicht. Letztere bedienen eingängige Narrative, die wenige Facetten der Umwelt der Gruppierungen herausgreifen und zurecht gehauen wie Mosaiksteinchen in das jeweilige Narrativ einbetten. Ein das langfristige Überleben der Gruppierung sicherndes Bild der Umwelt kann so nicht entstehen.
Die teilweise widerlichen Lösungen der existenziellen Probleme des Menschseins, die sich der Ich-Erzähler verordnet, führen ihn nicht aus dem Kellerloch und der Isolation heraus. Das macht die Befunde sozialer Dynamiken nicht weniger relevant. „Nun probieren Sie es, geben Sie uns, meinetwegen, größere Selbständigkeit, Ellenbogenfreiheit, erweitern Sie das Tätigkeitsfeld, lockern Sie die Bevormundung, und wir … aber ich versichere Ihnen: wir werden sofort wieder um Bevormundung betteln. […] Es ist uns ja sogar lästig, Mensch zu sein - ein Mensch aus Fleisch und Blut; wir schämen uns dessen, halten es für eine Schmach und trachten lieber danach, irgendwelche phänomenalen Allgemeinmenschen zu sein. Wir sind Totgeborene […] und das gefällt uns immer besser. […] Bald werden wir soweit sein, dass wir von einer Idee gezeugt werden.“ (Aus „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Dostojewskij in der Übersetzung von Swetlana Geier)
Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften stehen auf phänomenologischen Beobachtungen und logischen Schlussfolgerungen von Menschen und inzwischen auch  Wahrscheinlichkeitsvoraussagen von Maschinen auf Basis gesammelter Erkenntnisse der Menschheit. Wenn das mal ausreicht, darauf ein Weltmodell zu errichten, das sich selbst Sinn verleiht.