Ich las unlängst den Text „Duft der Zeit - Ein philosophischer Essay zur die Kunst des Verweilens“ von Byun-Chul Han. Der letzte Essay beschäftigt sich mit der Vita activa und der Vita contemplativa. So wirken auch die Sätze eher wie aus der Kontemplation von Schriften, eigenen Wahrnehmungen, Feststellungen und deren Umformung, Umgestaltung im Denken geboren als logisch aus Prämissen abgeleitet. Der geneigte Leser findet Formulierungen, denen er sofort zustimmt, wie auch Behauptungen, die in seinem Denken auf Granit stoßen und Widerspruch hervorrufen. Der Stil wirkt anregend. Sieht man von den Passagen ab, in denen der Autor Philosophinnen, Philosophen und Schriftsteller zitiert, sind die in diesem Band veröffentlichten Essays - für einen Dilettanten wie mich - klar und verständlich geschrieben.
Vita Activa und Vita Contemplativa diskutiert die Philosophie und Theologie seit Aristoteles, wobei die Begriffe im Wandel der Zeit je nach Philosoph, Philosophin, Theologe oder Theologin mit unterschiedlichen Inhalten und Bedeutungen aufgeladen wurden. Zuletzt hatte Hannah Arendt in ihrem Werk „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“ ausführlich die Vita Activa reanimiert. Han grenzt sich häufig zu ihren Befunden ab, kritisiert ihre Ansätze und Schlußfolgerungen. Er führt diagnostizierte Missstände auf fehlendes kontemplatives Innehalten zurück. Wer sich näher dafür interessiert, dem seien die Werke von Han und Arendt ans Herz gelegt. Die Lektüren lohnen die Mühe. Das schreibe ich mit Überzeugung, obwohl ich „Vita activa“ von Hannah Arendt noch nicht gelesen habe.
Wir alle kennen Menschen, die wir als Menschen der Tat, als Macher wahrnehmen und Menschen, die eher dazu neigen zu dichten, zu denken, zu malen, zu musizieren, sich in Natur, Kunst oder religiöse Themen zu versenken. Ich glaube, dass wir beide Elemente in uns tragen.
Es gibt Organisationen, wie Wirtschaftsunternehmen mit dem klaren Ziel, ein Produkt zu entwickeln, herzustellen und zu vermarkten, um damit zu überleben und Gewinne zu erwirtschaften und andere, wie z.B. Vereine und Stiftungen, die sich dem Andenken einer verdienstvollen Schriftstellerin, eines Künstlers oder eines historischen Gebäudes widmen.
Sowohl in uns als auch in gesellschaftliche Gruppierungen, als auch in der Gesellschaft wirken gleichzeitig beide Strömungen allerdings in sehr unterschiedlichen Stärken.
Han schreibt in Bezug auf die aristotelische Lehre: „Die Muße als schola ist jenseits der Arbeit und der Untätigkeit situiert. Sie ist eine besondere Fähigkeit, zu der man eigens erzogen werden muss. Sie ist keine Praxis der Entspannung oder des Abschaltens.“ Aristoteles sah das kontemplative Leben dem aktiven Leben (Vita activa) übergeordnet. Hannah Arendt stellt die Vita activa und dabei insbesondere das Handeln allem voran: „Das <Wunder> besteht überhaupt darin, dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins.“ Sie grenzt den handelnden Menschen, der etwas Neues anfängt, erschafft, vom homo laborans, vom arbeitenden Menschen, wie z.B. der Fließbandarbeiterin oder dem Knecht auf dem Bauernhof, ab.
Die Psychologie führt die Intelligenz auf genetische und Umwelteinflüsse zurück. Ob wir zu einem aktiven oder kontemplativen Leben neigen, mag ebenfalls genetische Ursachen haben. Mag sein, dass es hierzu schon Untersuchungen gibt. Ich kenne keine. Es bleibt mir nur die Selbstbetrachtung und das Studium meiner Mitmenschen übrig, um das Thema tiefer auszuleuchten, um eine Antwort zu finden. Warum ist das überhaupt von Bedeutung? Nun: „Man wird aus einem Ackergaul kein Rennpferd machen.“ Man wird auch kein Ackergaul, wenn man ein Rennpferd ist. Trotzdem bin ich überzeugt, dass beide Triebe in uns wirken und dass sich diese im Laufe des Lebens verändern, dass wir beide brauchen, wir aber wider unseres Wesens kein erfülltes Leben werden führen können und der Umwelt, in der wir tätig werden, daraus ein Schaden erwachsen kann.
Ob nur das handelnde Leben, das den Neuanfang sucht, sinnstiftend ist oder als solches empfunden wird und nicht auch die Tätigkeit am Fließband, ist eine andere Frage, die schon Kritiker von Hannah Arendts „Vita activa“ diskutiert haben. Wenn man am Fließband steht und eine eintönige manuelle Tätigkeit ausübt, opfert man dabei nicht zwingend seine Muttersprache, seine kognitiven Fähigkeiten, auch wenn sie leiden mögen, das Denken wird dabei nur eingeschränkt belastet, während ein Projekt, für das man mit Leib und Seele brennt, mental erschöpfen kann.
Wenn es der und dem Einzelnen schwer fällt, die richtige Balance zwischen einem aktiven und einem kontemplativen Leben zu finden, so können wir davon ausgehen, dass es gesellschaftlichen Gruppierungen und der Gesellschaft als Ganzes nur selten gelingt, die entgegengesetzten Triebkräfte auszubalancieren. Wovon hängt die richtige Balance ab? Von den Anforderungen, die die Umwelt an die Einzelnen, die gesellschaftlichen Gruppierungen oder die Gesellschaft als Ganzes stellt oder vom Einzelnen, der gesellschaftlichen Gruppierung oder der Gesellschaft?
Da die Umwelt immer nur die Umwelt ist, hängt es einzig vom Einzelnen, der gesellschaftlichen Gruppierung oder der Gesellschaft ab, es sei denn die oder der Einzelne steht unter Alkoholeinfluss oder Hypnose, ist mit Drogen vollgepumpt oder indoktriniert; wenn also das psychische System ausgeschaltet ist. In diesem Fall stellt sich die Frage, wie das psychische System der oder des Einzelnen in diese Situation geraten konnte, eine Frage, die sich auch in gesellschaftlichen Gruppierungen und Gesellschaften aufdrängt, wenn sich kollektive Verblendung breit gemacht hat. Ich schweife ab; ich wollte keine Pathologien analysieren und hier auch nicht diskutieren, wie sie entstehen.
Vielleicht braucht es kontemplativen Innehaltens, um seine Balance zu finden, um festzustellen, dass Handeln erforderlich ist, während man viel lieber das Buschwindröschen bewundert, um festzustellen, dass man eine Aktion, ein Projekt, eine Tätigkeit an die nächste reiht, ohne zu merken, dass man in eine Sackgasse eingebogen ist, dass man längst nicht mehr weiß, wo man hinwollte.
Was der oder dem Einzelnen Denken und Fühlen ist, ist der gesellschaftlichen Gruppierung die Kommunikation, sei sie organisiert und ausgestaltet, wie sie will.
Wo ich gerade stehe, dürfte dem Leser kaum verborgen bleiben. Die Weltliteratur thematisiert das Spannungsfeld zwischen Vita activa und Vita contemplativa ausschweifend, ohne die Begriffe beim Namen zu nennen. Mir fällt spontan Thomas Buddenbrook ein, der das ererbte Handelshaus unfreiwillig in den Niedergang führt. Rilkes Werk ist sicher eines der schönsten Beispiele, welche Früchte ein überwiegend kontemplatives Leben tragen kann; sein Leben legt nahe, dass man damit kaum über die Runden kommt.
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Von Rainer Maria Rilke