The Essay Collective

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Vom Höhlenmensch auf der Suche nach der verlorenen Zeit zum Fusionskraftwerk

Donnerstag, 24. September 2026 · ...
Als ich in der Schule war, hatten wir fast an jedem Schultag die unterschiedlichsten Schulfächer, die nicht viel miteinander gemein zu haben schienen. Auf den Mathematikunterricht folgte Englisch, dann Chemie und vielleicht noch zwei Schulstunden Deutsch. Jede Lehrerin, jeder Lehrer unterrichtete, als wäre ihr bzw. sein Fach das wichtigste. Die Sympathie mit dem Unterrichtsstoff wechselte mit der Lehrkraft und den Ergebnissen in Klassenarbeiten, da ich in keinem Fach wirklich überragend gut noch abgrundtief schlecht war. Zusammenhänge konnte ich nicht erkennen, nicht einmal innerhalb der naturwissenschaftlichen oder der sprachlichen Fächer. Im Nachhinein betrachtet, empfinde ich das als Segen, obwohl ich mir darüber bewusst bin, dass die wenigsten das so sehen dürften wie ich.
In der Oktoberausgabe 10/2026 von Spektrum der Wissenschaft las ich zwei Artikel, deren Themenstellungen unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Leitartikel beschäftigte sich dem aktuellen Forschungs- und Entwicklungsstand von Fusionskraftwerken, der andere fragte danach, ob uns die Kunst zum modernen Menschen machte. Am gleich Tag stieß ich in Marcel Prousts drittem Band auf der Suche nach der verlorenen Zeit „Guermantes“ auf die Passage weiter unten, die mit einer Theorie aufwartet, wie die Liebe ganz sicher nicht gelingen kann.
Ernest Rutherford entdeckte die Kernfusion, bei der zwei Atomkerne zu einem größeren Kern verschmelzen im Jahre 1917. Wir können die Sonnenenergie, sei es als Licht, Wärmequelle in Solarthermiekraftwerken oder Solarparks nutzen, weil im Inneren der Sonne Protonen zu Heliumkernen fusionieren (stark vereinfacht). Pflanzen wandeln ohne ihr Wissen in der Photosynthese Kohlendioxid und Wasser mithilfe des Sonnenlichts in Kohlenhydrate und Sauerstoff um (stark vereinfacht). Protonen sind positiv geladen und stoßen sich ab. Es war ein langer Weg, bis die Menschheit ein Modell entwickelt hatte, das erklärt, wie diese Kräfte überwunden werden und wie bei diesem Prozess ein quantifizierbarer Nettoenergiegewinn entsteht. Der bei der exothermen Fusion im Sonneninneren entstehende Energieüberschuss ist neben vielen anderen Faktoren eine notwendige Voraussetzung für das Leben auf der Erde. Es lag nahe zu untersuchen, wie man die Kernfusion auf der Erde zur Energiegewinnung nutzen könnte.
Archäologen untersuchen seit Jahren Funde von Kunstwerken, die seit mehr als 40.000 Jahren in Höhlen in der Schwäbischen Alb liegen. Mit großer Kunstfertigkeit zeigen sie ein Abbild der vom Künstler oder der Künstlerin wahrgenommenen Welt meist in Form von Tiergestalten. Ob die Menschheit, als sie aus Lauten kohärente Sprachmuster ausbildete, auch anfing, Knochen, Elfenbein oder Stein zu Skulpturen zu formen oder Bilder an Höhlenwände zu zeichnen, ist unwahrscheinlich. Den Stand der Forschung dazu kenne ich nicht. Bilder, Skulpturen, Symbole und Zeichen erlauben eine Kommunikation, die nicht auf gesprochene Sprache, Mimik und Gestik, auf das unmittelbare Zusammensein von Menschen beschränkt ist. Sie überbrücken das Hier und Jetzt, sie erfinden die Zeit. Deren Erstellung erfordert einen geschützten Raum und den Luxus der Muße, die Freiheit, den existenziellen Sorgen für die Zeit , die es braucht, das Kunstwerk, das Bild, das Symbol, das Zeichen zu schaffen, entbunden zu sein. 
Eine Madame de Stermaria schickte Marcel in Prousts Werk einen lang ersehnten Brief, der eine Zusage zu einem Diner enthielt: „… Von Madame de Stermaria, das heißt, für mich weniger von der wirklichen Madame de Stermaria als von derjenigen, an die ich den ganzen Tag vor Albertines Ankunft gedacht hatte. Das ist der schreckliche Betrug der Liebe: sie lässt uns zuerst nicht mit einer Frau spielen, die der äußeren Welt angehört, sondern mit einer Puppe im Inneren unseres Hirns; sie allein haben wir im übrigen immer zur Verfügung, sie allein werden wir besitzen, und die Willkür der Erinnerung, die fast ebenso absolut ist wie die der Phantasie, kann sie von der wirklichen Frau ebenso verschieden gemacht haben, wie es das wirkliche Balbec von dem erträumten Balbec war; eine künstliche Schöpfung, der zu gleichen wir die wirkliche Frau nach und nach zu unserer eigenen Qual zwingen werden.“
Noch ehe sich die „Liebenden“ der Missverständnisse bewusst werden, sind die Kinder schon geboren. Irgendwann im Laufe der europäischen Menschheitsgeschichte löste die Liebe, die der Sprache, den Kunstwerken, der Entdeckung der Kernfusion vorausging, das Arrangement der Eltern oder anderweitigen gesellschaftlichen Druck als initiales Bindemittel zwischen Mann und Frau ab. Liebe zwischen zwei nicht verwandten Wesen ist für Proust ein Wort für eine Kraft, für ein Treiben, das in uns wirkt, das wir nicht kontrollieren und immer noch nicht die einzige, vielleicht nicht einmal die wichtigste Quelle der menschlichen Fortpflanzung, des sozialen Zusammenhalts im Kleinen. Wirtschaftliche, ästhetische, vom Sexualtrieb gesteuerte Interessen, Standesinteressen, machtpolitische Erwägungen genossen bei der Partnerwahl, wie auf der Suche nach der verlorenen Zeit so meisterhaft beschrieben, in der Vergangenheit Priorität. Ob das heute noch so ist, mag jede Generation, eine jede und ein jeder gerne selbst explorieren
Was bleibt, ist die Verschmelzung als Voraussetzung für das Entstehen von etwas Neuem, Kraftvollem, die Grenzen der verblassenden Existenz sprengendem. Was hat nun die Liebe mit einem zukünftigen Kernfusionsreaktor gemein? Man muss sehr viel Energie investieren, um die Kernfusion in Gang zu setzen und wenn es nicht gelingt, die Energiezufuhr aufrechtzuerhalten, bricht der Prozess in sich zusammen. Das macht ihre technische Anwendung sympathisch, droht doch keine Kettenreaktion wie bei der Kernspaltung, keine Kernschmelze, die radioaktiven Risiken sind eher gering.
Ohne die Kunstwerke in Höhlen, Zeichnungen an Höhlenwänden, ohne die Erfindung von Symbolen und Zeichen, ohne diese Abstraktionen vom Wirklichen, hätte es die Arbeiten an Fusionskraftwerken, sei es auf Basis von Stelleratoren, Tokamaks oder der Laserfusion, nie gegeben; Liebe wirkte vermutlich schon immer und wird bis zum Ende der Menschheit, das vor dem Erlöschen der Kernfusionen im Innern der Sonne liegen wird, nichts von ihrer Kraft verlieren. Nach meinem Kenntnisstand hat die Menschheit in der Anwendung der Kernfusion bisher nur beim Zünden von Wasserstoffbomben Nettoernergiegewinne erzielt. Aber Zerstören ist auch viel einfacher als etwas aufzubauen. Jeder Depp kann eine Flasche auf dem Fahrradweg zertrümmern, um seine Macht zu spüren, der gefühlten Ohnmacht zu entkommen oder einfach nur um sich zu amüsieren.
In der Abstraktion von der Wirklichkeit können wir unsere Lebenswelt reflektieren, alternative Lebensentwürfe ersinnen und studieren, Zusammenhänge herstellen, die sich in der erlebten Welt nicht aufdrängen, Neues schaffen und prüfen, ob sich das neu Geschaffene für unser Überleben, Wohlbefinden, als Spielzeug oder nur als Zerstreuung bewährt. Das kann uns keine künstliche Intelligenz abnehmen, wenn wir nicht im Automatenmodus wie in einer Autokratie oder Diktatur laufen wollen; und das kostet erstmal Energie, die wir in unserer „freien Zeit“ ungern investieren, obwohl es nur eines winzigen Bruchteils dessen bedarf, das es braucht, um die Kernfusion in Fusionskraftwerken am Laufen zu halten. Vielleicht ist die ein Irrweg, wie uns auch die Liebe häufig betrügt, - die Fusionskonstante liegt bekanntlich bei 20 Jahren („In 20 Jahren wird die Menschheit so weit sein, nachhaltig Energie aus Fusionskraftwerken zu gewinnen; von jedem beliebigen Tag an gerechnet“)-, vielleicht löst sie die Energieprobleme der Zukunft. Das zu entscheiden, obliegt uns allen.