The Essay Collective

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Wenn das Unwillkürliche unwillkürlich bewusst wird, ist die damit vorherbestimmte Lebenszeit nicht unwiederbringlich verloren, insbesondere in gefährlichen Liebschaften - Ein Essay zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli

Sonntag, 5. Juli 2026 · ...


„… Er beweist ihr mit Gründen, darüber den Atem zu verlieren, dass ein unwillkürliches Gefühl kein Verbrechen sei; als wenn es nicht aufhörte unwillkürlich zu sein von dem Moment an, da man aufhört, es zu bekämpfen! Ein Gedanke, so einfach, dass er selbst der Kleinen kam. …“ (aus „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos)

Proust beschreibt die unwillkürliche Erinnerung, durch die Episoden, Stimmungen und sinnlichen Erlebnissen der Kindheit authentisch ins Bewusstsein dringen, im ersten Band seiner Suche nach der verlorenen Zeit in der weit über den Autor hinaus zum allgemeinen Kulturgut gewordenen Madeleine Szene.

Viele kennen den Impuls, der aus dem Nichts zu kommen scheint, den Heißhunger auf eine Köstlichkeit, jemanden anzurufen, mit jemandem Kontakt aufzunehmen, den man Jahre nicht mehr getroffen hat, aufs Fahrrad zu steigen und eine Runde durch den nahegelegenen Wald zu radeln, an den Fluss oder zu einem Biergarten zu fahren, den Job zu wechseln, zu einem Buch zu greifen, dass man vor vielen Jahren einmal gelesen hat und seither im Regal verstaubt. Selten geben wir ihm nach, viel öfter kleiden wir ihn mehr oder weniger geschickt in Worte, malen ihn aus, wägen ab und präjudizieren so, wie wir damit umgehen. Wir schauen unserem Gehirn beim Rechnen zu.

Handelt es sich um ein komplexeres Projekt, wie den Kauf einer Wohnung, mit jemandem zusammen zu ziehen, jemanden zu heiraten, eine Ausbildung oder ein Studium zu einem erfolgreichen Ende zu führen, stehen zwar viele interne und externe Hilfsmittel zur Verfügung, das Projekt zu beatmen, wie persönliche Routinen, die Verfolgung eines Plans, sozialer und/oder wirtschaftlicher Druck; noch viel wirkungsvoller sind die kleinen immer wiederkehrenden inneren unwillkürlichen Impulse, die im Unbewussten das Zielbild aufleuchten lassen und Denken und Handeln in Richtung des Ziels befeuern. Die Zeit, kontingente Gedanken zu formulieren, Dinge zu tun, Ziele zu verfolgen, geht dabei unwiederbringlich verloren; denn nicht immer ist das Buch, das wir lesen, der Film, das Video, das wir schauen, der Gaul, den wir reiten, den unwiederbringlichen Verlust der Zeit wert.

Und obwohl wir das alle wissen, vertrauen wir den dumpfen, wiederkehrenden Impulsen mehr, als dem Ergebnis der Berechnung, die sich in unserem Bewusstsein über einen längeren Zeitraum abspielt. Wir wollen hier nicht verschweigen, dass es manchmal zu Zuständen kommt, in denen die Berechnung in einer Endlosschleife mündet, in denen wir im Grübeln gefangen sind, in denen kontingente Wahrnehmung, kontingentes Denken unmöglich erscheint.

Auf der einen Seite erreichen wir nichts, wenn wir das gesteckte Ziel immer wieder aus den Augen verlieren und neuen Impulsen folgen, auf der anderen Seite kann uns eine tief im Unbewussten sitzende Energiequelle dem falschen Hasen nachjagen lassen, wie wir das bei Hunden auf der Rennbahn beobachten, auf die wir Wetten abschließen. Natürlich habe ich dabei nichts gewonnen, habe es aber auch nur einmal gewagt.

Wir sind nicht allein auf der Welt. Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder die Frage stellen, wie Kohärenz in sozialen, wirtschaftlichen und politischen Systemen entsteht. Doch wie kommen wir auf die irre Idee, verstehen zu können, verstehen zu wollen, wie ein soziales System funktioniert, unseren Einfluss darauf zu bestimmen, wenn wir uns selbst kaum beim Rechnen zuschauen, nicht hinschauen wollen, was uns antreibt, vielleicht aus Angst, vor uns selbst zu erschrecken, Leere zu entdecken, unsere Endlichkeit.

Sobald uns das Unwillkürliche unwillkürlich bewusst wird, ist die damit vorherbestimmte Lebenszeit nicht unwiederbringlich verloren, weil sie so kontingent wird. Das setzt aber voraus, dass wir weder in Berechnungsschleifen noch in Systemen gefangen sind, die kein willkürliches Denken und Handeln erlauben. Auch wenn es verlockend erscheint, sich in die selbst gewählte Unmündigkeit zu begeben, die meisten von uns werden darin nur arm und unglücklich und machen dabei einige wenige steinreich, aber nur selten glücklich. Das Bewusstsein, eine geniale Erfindung der Natur, hilft uns, dem Wollen und Wünschen zu misstrauen, der Kontingenz unseres Wahrnehmens, Denkens und Handels, der Konstruktion unserer Welt wie auch der gesellschaftlichen Systeme, die für unser Dasein relevant sind, gewahr zu werden.

Obiges Zitat ist aus dem Zusammenhang eines Briefes von der Marquise von Merteuil an den Vicomte von Valmont gerissen. Der Roman „Gefährliche Liebschaften“ spielt im Ancien Régime, am Vorabend der französischen Revolution, die mit dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 ins kollektive Gedächtnis einging. Die Marquise und der Vicomte nutzen ihre Ressourcen wie Reichtum, soziale Stellung und insbesondere ihren Intellekt dazu, sexuelle Triebe bestmöglich zu befriedigen, Menschen nach ihrem Gutdünken dafür zu manipulieren, aufkommende Rachegefühle zu stillen und vieles andere Niederträchtige mehr. Der Intellekt der Marquise fokussiert in diesem Brief auf die Analyse der von ihr hintertriebenen Liebesbeziehung zwischen der jungen Cécile de Volange und dem Chevalier Danceny, ohne dass sie hinterfragt, weshalb sie das tut und obwohl sie sich bewusst ist, dass es aus Rache geschieht (Danceny soll die junge Cécile entjungfern, damit ihr zukünftiger Mann und ehemaliger Liebhaber der Marquise, der die Marquise verlassen hat, nach der Hochzeit mit einer entehrten Ehefrau gestraft ist.) Und obwohl sie ihre Rachgefühle in anderen Briefen trefflich beschreibt und in wohlgeformte Sätze schmiedet, stellt sie sich ihnen nicht, bemerkt nicht, in welche Gefahr sie sich damit begibt.

Aber vielleicht wollen selbst die wahren Schätze in uns und unserer Umwelt nicht gefunden und gehoben werden, damit sie weiter ihre Magie oder ihr Unwesen im Geheimen entfalten können und somit das Unwillkürliche und die dadurch vorherbestimmte Lebenszeit unwiederbringlich im Dunklen bleibt. Dabei bin ich, sind wir nicht einem einzigen Wunsch, einem einzigen Wollen ausgesetzt, was im Nachgang auf den Sturm auf die Bastille für alle Welt offensichtlich geworden ist.