Fast alle Deutschen werden im Laufe ihres Lebens zumindest einmal narkotisiert. Der Anteil der Vollnarkosen an allen Narkosen beläuft sich in Deutschland auf 70% bis 80% (Quelle: Google).
Die Kenntnis der genauen Details über dieses unschätzbare technische, chemische, biologische Hilfsmittel sind natürlich Ärzten, allen voran den Anästhesisten, vorbehalten.
Nachdem ich mich kürzlich einer Vollnarkose unterziehen musste, wollte ich mehr darüber herausfinden, was bei dabei geschieht, welche Drogen eingesetzt werden und wie diese wirken. Das hätte ich natürlich alles aus erster Hand im Vorbereitungsgespräch von der Narkoseärztin erfahren können; ich war wohl zu aufgeregt; mir fiel keine der Fragen ein, die mich im Nachhinein so brennend interessierten. Ich beschreibe ganz kurz in eigenen Worten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit, was bei mir nach der oberflächlichen Recherche hängen geblieben ist (nicht viel).
Anästhesisten verabreichen einen hochwirksamen Drogencocktail. Hynotika schalten den Schmerz aus, starke Opioide das Schmerzempfinden, Musklerelaxantien lähmen die Skelettmuskulatur, wodurch die oder der Narkotisierte die Fähigkeit verliert, selbständig zu atmen. Das Narkoseteam übernimmt die Lebenserhaltungsfunktionen. Man atmet nicht selbst, die Seele steht still, man wird gelebt. Es ist heutzutage in Deutschland äußerst selten, dass jemand, der während einer Operation das Zeitliche segnet, an den Folgen der Narkose verstirbt und nicht an einer Vorerkrankung.
Was vor und nach der Vollnarkose in einem geschieht, was man denkt und fühlt, kann niemand für einen beantworten. Aber da wir Menschen uns ähnlicher sind, als wir manchmal vermuten, kann es hilfreich sein, Augenzeugenberichte anzuhören oder zu lesen, wenn einem davor bange ist.
Als ich jung war und am Sprunggelenk operiert werden sollte, dachte ich vor der OP nicht über die Narkose nach. Man schlug mir eine Teilnarkose (Periduralanästhesie) vor, die allerdings nicht funktionierte, sodass ich eine Vollnarkose erhielt. Das Vorgespräch war dahingeplätschert, ohne dass mich im Nachhinein ein mulmiges Gefühl befangen hätte. Dass ich bei einer Vollnarkose für einen bestimmten Zeitraum nicht aus eigener Kraft atmen würde, dass ich nicht aus eigener Kraft leben würde, beschäftigte mein jugendliches Denken keine Sekunde.
Beim Schreiben des Essays „Einblicke in narkotische Zustände der Welt“ entwickelte sich in mir der Gedanke, dass eine medizinische Vollnarkose beileibe nicht der einzige Zustand ist, in dem wir nicht aus eigener Kraft leben und in dem uns der Zugriff auf unser eigenes Denken und Fühlen versperrt, das seelische Schmerzempfinden ausgeschaltet ist, in dem sich Körper fremdbestimmt bewegen.
Was für den einzelnen gilt, könnte auch für gesellschaftliche Gruppierungen gelten. Wer mit meinen Essays vertraut ist, weiß, dass ich, während ich Gemeinsamkeiten suche oder eher konstruiere, diese unterschiedlichen Bereiche gerne getrennt betrachte.
Bei einer Vollnarkose im Rahmen einer geplanten Operation dürfen wir davon ausgehen, dass das Krankenhauspersonal in unserem besten Interesse handelt. In anderen gesellschaftlichen Konstellation steht nicht das Interesse der oder des Narkotisierten im Vordergrund sondern die Interessen anderer, die nicht mit denen der oder des Narkotisierten übereinstimmen müssen. Falls die oder der Narkotisierte aus der Narkose erwacht und wieder zu Sinnen kommt, sollte sie oder er als Sofortmaßnahme Gliedmaßen und Finger zählen.
Wie jeder Vergleich entbehrt auch der, von den Narkoseerfahrungen eines Einzelnen auf gesellschaftliche Phänomene zu schließen, jeder Logik, hinkt gewaltig, passt wie die Faust aufs Auge, weil er sich an einem Narrativ versucht, das unreflektiert mehr Kraft zu entfalten versteht als der nüchterne Bericht oder die Aufzählung von Fakten. Erst im Nachdenken über das Narrativ entstehen unschätzbare poetische Momente, die anhaltende, wertvolle Erkenntnisse und Veränderungen zum Positiven bewirken können. Sonst wirkt das Narrativ, insbesondere wenn es eine charismatische Persönlichkeit in Bild und Ton oder gar live darstellt und nicht nur in schwarz und weiß vor uns liegt, wie ein Narkosemittel, das fortwährend eingeflößt, eigenes Denken und Fühlen hypnotisiert.