Eine Recherche im Internet ergab, dass in Deutschland jede Woche ca. 7 Millionen Personen Lotto spielen, 21 Millionen spielen gelegentlich. Die Chance auf sechs Richtige stehen bei 1 : 14 Millionen. Den Jackpot zu knacken ist noch unwahrscheinlicher. Nüchtern betrachtet, ist jeder Lottoeinsatz rausgeschmissenes Geld und die meisten hätten am Ende ihres Lebens mehr Vermögen akkumuliert, wenn sie das wöchentlichen Spielgeld stattdessen, sagen wir, in einen gesunden ETF einzahlten. Und doch gewinnen jedes Jahr über hundert Personen mehr als eine Million Euro allein in Deutschland.
Über Emmanuel Laurens ist wenig bekannt. So wissen wir nicht, ob er Lotterielose kaufte und auf den großen Gewinn hoffte, als er 1897 im Alter von 24 Jahren in Montpellier Medizin studierte. Aber ein entfernter Verwandter mütterlicherseits, Emmanuel Fontenay, vermachte ihm, quasi als Alleinerbe, ein Vermögen von umgerechnet ca. 320 Millionen Euro (Quelle: Webseite Château Laurens). 1897 erbte er von seinem Vater außerdem die Domaine Belle-Isle in Agde, die von dem Fluß Hérault, dem Canal du Midi und einem kleineren Kanal umflossen wird. Im Jahre 1938 war das ererbte Vermögen samt familiärem Weingut bis auf eine bescheidene Leibrente weg.
Wir überquerten, von der Altstadt kommend, vorbei an der festungsartigen, ehemaligen Kathedrale von Agde den Hérault und gingen über eine kleine Holzbrücke, unter der der Canal du Midi fließt oder eher steht, auf die Belle-Isle. Ein neuer, recht edel eingerichteter Pavillon, außen mit braun angestrichenen Holzpaneelen vertäfelt, das Tor zur Welt des Emmanuel Laurens und seinen nächsten Angehörigen, beherbergt den Empfangsbereich des Anwesens, das seit 1994 der Stadt Agde gehört. Dort kann man Eintrittskarten, Bücher, Wein und Souvenirs erwerben. Wir verzichteten diesmal auf den Besuch der Villa, die seit 1936 als Château bezeichnet wird.
Nach einem Spaziergang durch den hübschen, historischen Garten mit Blumenbeeten, Schatten spendenden Bäumen und einem kleinen mit Seerosen bewachsenen Teich stand ich vor der imposanten Villa und fragte mich: wer war dieser Emmanuel Laurens?
Von außen betrachtet ist das Gebäude nicht unbedingt von einer großen architektonischen Idee beseelt, wie beispielsweise der deutsche Pavillon von Mies van der Rohe auf der Weltausstellung in Barcelona 1929. Aber davon verstehe ich ohnehin zu wenig und überlasse das Urteil über den architektonischen Wert den Experten und all jenen Besuchern, deren ästhetisches Empfinden feinnerviger auf Gebäude reagiert.
Laurens ließ die Villa nach seinen Entwürfen gestalten und stattete sie mit einem Wasserkraftwerk aus, sodass er die üppige Festbeleuchtung in den großen Sälen - aus Sicht des frühen 21. Jahrhunderts - nachhaltig darstellen konnte. Fotos, die im Internet kursieren, vermitteln den Eindruck eines Museums für Art Déco Möbel, einer exotisch, extravaganten Innenausstattung, belebt mit Stilelementen aus fernen Ländern, die Wände bemalt und gestaltet von namhaften Künstlern. Neugierig geworden, erwarb ich im Shop des Pavillons das Buch „Le Château Laurens, Une Histoire de Famille“, zusammengestellt von der Groupe de Recherches Historiques Agathoises (GRHISTA) aus dem Jahr 2024.
Um Emmanuel Laurens, einen Sohn der Stadt Agde, ranken sich regional Mythen und Legenden, der Mensch dahinter ist so unbekannt geblieben, dass sich das Buch dem Schöpfer des Châteaus wie eine Drohne nähert, die nicht recht weiß, wo und wie sie das Zielobjekt finden soll und wie um eine leere Mitte kreisend seine Aura erforscht, die trotz allem spürbar ist.
Bérengère Bonnaud beschreibt ihre Suche nach Fotos, die den jungen Emmanuel zeigen, wie einen Kriminalroman. Das Château und vielleicht auch die Lebensgeschichte seines Erbauers hat zwei Schriftsteller zu Romanen inspiriert und wir ahnen es beim Lesem, mich zu diesem Essay. Ein Kapitel ist der Geschichte der Belle-Isle und ihren ehemaligen Besitzern gewidmet, ein anderes Vater und Onkel.
Besonders interessant fand ich die Abhandlung über Emmanuel Fontenay, einem entfernten Verwandten von Laurens Mutter, der zeitlebens unverheiratet und kinderlos im elterlichen Haus in Montpellier lebte und seine Geschäfte weltweit betrieb. Es fanden sich fünf oder sechs Testamente, die sich alle widersprachen und es dauerte ein Jahr, bis ein Richter Laurens als Haupterben des unvorstellbar großen Vermögens bestätigte.
Fontenay hatte nur eine Hausangestellte und soll sich ausschließlich mit seinen extrem komplex strukturierten Besitztümern beschäftigt, investiert und spekuliert haben. Er besaß Immobilien, Aktien, wie z.B. Anteile an der Suez Kanal Gesellschaft, Güter, Geld, hielt Schuldtitel, Obligationen und vieles mehr. Wer hätte nach Testamentseröffnung nicht gleich eine Reise angetreten, bevor der Kopf vor lauter Zahlen, Firmenanteilen, Häusern explodiert. Fontenay muss ein knauseriges Finanzgenie gewesen sein, das war der Medizinstudent Laurens mit Sicherheit nicht. Auf der ersten großen Reise nach Russland und in den Kaukasus ereilte ihn die Botschaft vom Tod seines Vaters. Wie oben erwähnt, erbte er Bell-Isle, auf der ein Haus stand und auf dessen Grundmauern er innerhalb von drei Jahren die Villa Laurens errichten ließ.
Im Jahre 1903 reiste er mit seinem Cousin Alfred Sève über Ceylon, Aden und zahlreiche Städte in Indien nach Madagascar, wo die beiden die Brauerei eines Freundes besichtigten, in die Laurens investiert hatte. Reichtum erlaubt einem Bekanntschaften von Personen zu machen, die dem einfachen Studenten sonst nicht vergönnt sind. Emmanuel stand lieber hinter der Kamera, sodass von ihm keine Aufnahmen von dem über vier Monate dauernden Abenteuer existieren, wohl aber zahlreiche seines Cousins. War es auf dieser, der Reise nach Russland und in den Kaukasus oder der nach Nordafrika, jedenfalls verfiel er der Opiumpfeife, einem Laster dem er auch in der Villa frönte. Er sammelte die Welt, der er begegnete, in Form von Ideen, Vorstellungen, Bildern und Gegenständen und brachte sie nach Hause in sein Kraftzentrum nach Agde.
Im Jahre 1907 lernte er die Sängerin Louise Blot kennen, mit der er zusammen mit Mutter und Schwester in der Villa lebte. Nach dem Tod der Mutter im Jahre 1921 heiratete er sie. Er war den schönen Künsten zugeneigt, ohne ein großes Talent darin zu offenbaren. Die Villa erlebte rauschende Feste, was den Argwohn der lokalen Bevölkerung herauf beschwor. Bis zu acht Bedienstete sorgten für das leibliche Wohl der Herrschaften und ermöglichte ihnen einen ausschweifenden Lebensstil.
Der erste Weltkrieg und die Zeit danach waren für alle Vermögenden eine große Herausforderung. Wer in volatilen Zeiten zugedröhnt auf der Ottomane liegt, nur konsumiert oder sich in exotische Welten träumt, anstatt sich um seine Investitionen zu kümmern, deren Chancen und Risiken ständig bewerten werden wollen, anstatt seine Ausgaben und Einnahmen zu kontrollieren und ordentlich Buch zu führen oder Buch führen zu lassen, über den werden die kapitalistischen und sonstigen Geier herfallen. Allein die Villa und deren Unterhalt dürfte Unsummen verschlungen haben.
Laurens war im Jahre 1938 gezwungen, das Weingut samt Schloss für eine bescheidene Leibrente zu verkaufen. Die zwei Käufer, die Geschwister Fréderic und Jacqueline Biquet, interessierten sich nicht für das Schloss; es verfiel; das Gut bewirtschafteten Angestellte der Käufer, bis es die Erben von Fréderic Biquet an die Stadt verkauften. Der letzte Verwalter des Gutes beschrieb Laurens als sehr zurückgezogen lebend, lesend und schreibend, wobei er sich in den verbliebenen Lebensjahren wieder der Medizin zugewandt hatte. Das Studium hatte er 1921 dann doch noch mit einer Promotion beendet. Er hinterließ keine Schriften, keine Fotoalben, keine Erinnerungstücke, keine Kinder. Seine Frau starb fünf Jahre vor ihm, seine kleine Schwester vegetierte noch einige Jahre nach seinem Tod dahin.
Die Lottomillionärin hat es einfacher; sie ist anfangs nur mit einer Vermögensform konfrontiert. Und doch stellen auch die Lottomillionen jede Menge Fragen. Wer die Kontrolle behalten will und kein Finanzwissen besitzt, investiert im Anfang am besten in Finanzbildung; das ist auch ratsam, wenn man den für das Lottospiel eingeplanten Einsatz investieren statt konsumieren oder umverteilen will; vielleicht ist es nicht notwendig, so viel Lebenszeit den Geschäften zu opfern wie Fontenay, etwas Zeit sollte man sich dafür schon nehmen. Das führt uns wieder einmal zu der Frage, was uns antreibt, was Laurens angetrieben haben mochte.
Die Frage, weshalb Emmanuel Fontenay sein Vermögen dem entfernt verwandten Emmanuel Laurens vermachte und nicht allen entfernt Verwandten oder in eine Stiftung einbrachte, bleibt mysteriös, will man sich nicht mit der naheliegenden Begründung „wegen des gleichen Vornamens“ zufrieden geben.
Wenn wir auf das Leben blicken, das wir von Emmanuel Laurens erhaschen können, drängen sich folgende Spekulationen auf. Er hatte Neigungen zu den schönen Künsten, einem bourgeoisen Lebensstil, der Medizin, er pflegte enge Freundschaften, lebte mit Frau, Mutter und Schwester, hatte keine Kinder, umgab sich mit einer Traumwelt in einer Traumvilla, gespeist aus Reiseerlebnissen und Begegnungen mit fremden Kulturen und dröhnte sich ab und ab mit Opium zu. Sein Wollen fand keinen Fokus; sein Leben verrann wie sein Vermögen; nichts blieb.
Und doch wurde sein Schloss aus dem Dornröschenschlaf geholt, wieder aufgebaut und trägt seinen Namen und seine Ideen in eine unbekannte Zukunft. Auf der Suche nach dem, was von mir bleibt, muss ich mir das Château Laurens demnächst von innen anschauen und sei es auch nur um die oben angehäuften Vorstellungen, Irrtümer und Fehleinschätzungen zu korrigieren.
Es erforderte einige Arbeit, das Leben eines durchschnittlichen Menschen - selbst in diesem bescheidenen Ausmaß - an die Oberfläche zu zerren und doch lohnt es sich im eigenen Interesse. Um die Alphatiere der Geschichte kümmern sich die Experten. Sie stellen sie gerne erhaben auf Sockel, sodass sie von aller Welt bewundert oder gehasst werden können. So kreise ich manchmal um die leere Mitte, vielleicht um Kraft zu schöpfen, die dort im betäubten, unzugänglichen, unbeständigen Willen ruht und die sich viel zu selten Bahn bricht, bevor sie endgültig erlischt.
