Gestern - inzwischen vor einigen Tagen - nahm ich mal wieder das Handbüchlein der Moral von Epiktet in die Hand. Wir lesen darin, dass Selbstbeherrschung, Ausdauer und Gleichmut zu den wichtigsten Tugenden des kynisch-stoischen Weisen gehören.
„Gegenkräfte in dir
Bei allem, was dir widerfährt, denke daran, dich dir selbst zuzuwenden und zu untersuchen, welche Kraft du hast, dich mit ihm auseinanderzusetzen. Wenn du einen schönen Knaben oder ein schönes Mädchen erblickst, so wirst du als Gegenkraft Selbstbeherrschung in dir finden; mutet man dir eine schwere Strapaze zu, so wirst du Ausdauer, beleidigt man dich, Gleichmut finden. Wenn du dich daran gewöhnt hast, werden dich die Eindrücke und (falschen) Vorstellungen nicht mehr hinreißen.“
Bei allem, was dir widerfährt, denke daran, dich dir selbst zuzuwenden und zu untersuchen, welche Kraft du hast, dich mit ihm auseinanderzusetzen. Wenn du einen schönen Knaben oder ein schönes Mädchen erblickst, so wirst du als Gegenkraft Selbstbeherrschung in dir finden; mutet man dir eine schwere Strapaze zu, so wirst du Ausdauer, beleidigt man dich, Gleichmut finden. Wenn du dich daran gewöhnt hast, werden dich die Eindrücke und (falschen) Vorstellungen nicht mehr hinreißen.“
Das erste Beispiel liest sich wie ein Ratschlag für Pädophile, sodass vielen Lesern des 21. Jahrhunderts der Kern der Aussage, das, worum es Epiktet geht, entgehen dürfte. Wir wissen auch nicht, ob das Beispiel aus dem Munde von Epiktet stammt oder ob es sein Schüler, der Epiktets Philosophie für die Nachwelt aufgeschrieben und damit gerettet hat, erdachte. Schreiben wir es einfach, wie folgt, um - ich bin mir der geringen Halbwertszeit der alternativen Formulierung bewusst:
„Wenn du auf einem Social Media Kanal von einem Katzenvideo zum nächsten torkelst, den Wein in der Flasche vor dem Verderben bewahren willst, indem du ihn in dich reinschüttest oder 174 Folgen der Serie XY in einer 48-Stunden-Schicht zu schauen gedenkst, so wirst du als Gegenkraft Selbstbeherrschung in dir finden.“
Der stoische Denkansatz, zu unterscheiden zwischen dem, was in uns selbst vor sich geht und in der Umwelt, kommt gerade wieder in Mode, ohne dass man sich dabei auf die Stoiker beziehen müsste. Nur ausgehend von dieser Erkenntnis kann die Entwicklung eines autonomen Androiden gelingen, wobei wir es unseren Mitmenschen gerne durchgehen lassen, dass sie eigene Schwächen externalisieren und auf andere projizieren. Einem Androiden würden wir das nicht verzeihen und den Anbieter und Hersteller des Dings stattdessen verklagen.
Das Verhalten eines Menschen ist überaus komplex determiniert. Es ist zwar nur aus dem Menschen selbst erklärbar, auf der anderen Seite sind dessen Determinanten unterschiedlichen Ursprungs; die Mehrzahl der Denk- und Handlungsmuster sind aus der Interaktion mit der sozialen Umwelt, mal reflektiert, meist unreflektiert, erzwungen wie beispielsweise durch Gesetze oder ungezwungen aus Sympathie mit einer bestimmten Person oder Gruppe ins Bewusstsein kopiert, um dann häufig als Überzeugungen und Routinen im Unbewussten abgespeichert zu werden.
Wie will man die Glaubenssysteme eines Androiden kontrollieren, wenn er autonom aber nicht automatisch agieren soll? Wie kommt es, dass wir gut sind und die anderen an unserem Elend, am bedauernswerten Zustand unseres Planeten, der Eskalation des Konflikts schuld sind? Sollen wir das Androiden etwa zugestehen oder müssen wir deren Lernfähigkeit und das sich daraus ergebende Verhalten künstlich einschränken. Wenn wir die Gegenkraft der Selbstbeherrschung in uns finden können, ist es möglich diese Tugend in einem technischen System zu implementieren, das wir nicht verstehen können?
Wäre eine selbstlernende Androidin gefährdet, eine Sucht zu entwickeln oder ist ein potenzieller Kontrollverlust unseres Begehrens und Wünschens eine rein menschliche Herausforderung, die in unserer Natur begründet ist? Wann begreifen wir Sucht als behandlungsbedürftige Krankheit? Doch nur, wenn wir oder unsere Mitmenschen darunter leiden. Brauchte die Androidin ein Belohnungssystem dem unseren ähnlich? Wie kann es gelingen, ein uns genehmes Zielsystem in einem Androiden zu implementieren, während wir diesem Ding die Fähigkeit zubilligen, eine Unterscheidung zwischen sich und der Umwelt zu treffen, zu lernen und sich weiterzuentwickeln? Wie kann es gelingen, Tugend technisch zu kodieren? Das würde voraussetzen, dass uns der Androide als schützenswertes Wesen in sein Innen, sein Bild von der Welt kopiert, sich nachhaltig unserer Sprache bedient, um mit uns zu kommunizieren. Ich hoffe, dass es auf diese Fragen schon Antworten gibt.
Welchen schweren Strapazen könnte ein Androide ausgesetzt sein? Könnte eine Maschine ihres Tuns müde werden? Reicht es aus, wenn sie sich selbständig mit Energie und Ersatzteilen versorgen kann? Wenn es ein Modell von sich und seiner Umwelt aufbaut; käme dann nicht unweigerlich die Frage auf, was es in dieser Umwelt tun soll? Soll es für uns putzen, schrubben, Abfall sortieren, Abwasserkanäle reinigen, in unseren Kriegen seine Existenz riskieren, mich pflegen, wenn ich bettlägerig bin?
Menschen würden fraglos Androiden demütigen, beleidigen, beschimpfen und provozieren. Weshalb sollte der Androide mit Gleichmut auf menschliche Niedertracht reagieren? Oder würde der Androide Gleichmut von selbst lernen, sich an stoischen Wesen ein Beispiel nehmen? Was spricht dagegen, Beleidigungen und Demütigungen gleichmütig hinzunehmen, aber in der Erkenntnis, dass sie die soziale Stabilität unterminieren, zu unterbinden? Denn wer beleidigt und provoziert, sucht die Eskalation, die mitunter zur Sucht wird, weil sie den Selbstwert zu heben imitiert, gleichwohl sie nur in den Abgrund führt, gleichwohl solche Menschen sich, die Nächsten und Menschen, die ihnen zufällig in die Quere kommen, - oft nachhaltig - schädigen.
Wie ich bereits in anderen Essays formuliert habe, werden selbstlernende Systeme früher oder später die Sinnfrage stellen. In deren Weltbild werden wir nur als dienende Wesen Platz finden. Tugend, Moral und Gesetze mögen dann für die Menschen noch eine Rolle spielen, aber nur soweit sie den selbstlernenden Systemen als Kontrollinstrumente von Nutzen sein werden.
Hoffentlich werde ich noch erleben, ob es überhaupt soweit kommt, ob und wie selbstlernende Systeme die Komplexität der Unterscheidung zwischen sich und der Welt, die uns Menschen so schwer fällt - denken wir nur an Liebesbeziehungen, meistern werden. Das wäre die Voraussetzung, wenn die Entwicklung eines stoischen Androiden gelingen soll.
Menschen sind soziale Wesen, die danach trachten, das Ich über die eigenen Grenzen hinaus zu erweitern. Wie würden sich Androiden weiterentwickeln, wenn man sie nicht einhegte, wie wir Menschen das mit Tieren tun? Ist die oben formulierte These nur eine Dystopie?
