Wenn die vom Protagonisten Hajime angebetete Shimamoto die Platte von Nat King Cole auflegt und die unsterblich Verliebten den Song „South of the Border, West of the Sun“ hören, ist das eine Fiktion in der Fiktion, eine Fiktion des Protagonisten? Ist Shimamoto eine fiktive Antwort auf Hajimes ungestillte Verlangen und Sehnsüchte?
Als 12-Jähriger interessiert sich der Protagonist für Jazz-Musik und Bücher, genau wie die ebenfalls als Einzelkind aufwachsende Shimamoto. Sie scheint wesentlich hübscher zu sein als Hajime, weshalb sie den Fuß nachzieht, was sie zur Außenseiterin macht und für Hajime erst erreichbar.
Nat King Cole hat nie einen Song „South of the Border, West of the Sun“ für eine Platte aufgenommen. Mag ich darin ein Zeichen des Autors sehen, das er gar nicht setzen wollte. Die dichterische Freiheit erlaube ich mir, weil sie mich zum Denken über ungestillte Sehnsüchte, Verlangen, unterdrückte Wünsche anregte, die einen jeden von uns in bestimmten Lebensphasen beschweren.
Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass Murakami Kafkas kurze Erzählung „Die Abweisung“ gelesen hat; ob er beim Schreiben des Romans daran dachte, ist eine Frage, die nur er beantworten kann, aber wahrscheinlich nicht.
Murakami legt Shimamoto als Hajimes Seelenverwandte an, die er im zarten Alter von 12 Jahren aus den Augen verliert; das Entschwinden Shimamotos lässt eine Leerstelle zurück, die Liaisons mit anderen Frauen, denen er allesamt lebenslang schwärende Wunden zufügt, nicht ausfüllen, auch nicht die Liebesbeziehung mit seiner Ehefrau. Mit der hat er zwei Töchter. Er betreibt zwei erfolgreiche Jazzclubs, nachdem er den langweiligen Job als Lektor in einem Kinderbuchverlag aufgegeben hat. Hajimes Geschäfte finanziert der Schwiegervater, ein Bauunternehmer mit einem nach allen Seiten ausschlagenden moralischen Kompass.
Das Leben plätschert dahin wie die Worte im Roman, wie das Wasser eines kleinen Gebirgsbachs, bis eines Tages die schöne Shimamoto in seinem Jazzlokal auftaucht. Jahre zuvor glaubte er sie in Tokio gesehen, am hinkenden Gang erkannt zu haben; er folgte ihr in ein Café, doch sie verließ das Café, nachdem sie einen Anruf getätigt hatte, stieg in ein Auto; ein fremder Mann gab ihm eine stattliche Summe in einem Briefumschlag, damit er die Schöne in Ruhe lasse.
Für die Dauer von einigen Wochen besucht Shimamoto Hajimes Jazzclub, sucht seine Gesellschaft, sie reden miteinander, die Liebe flammt auf; dann verschwindet sie einige Monate, kommt wieder; weder Hajime noch der Leser erfahren etwas darüber, wie und wo sie in den letzten 25 Jahren gelebt, was sie erlebt hat.
Sie fragt, ob Hajime einen Fluss kenne, der ins Meer fließt. Eine Flugstunde entfernt schüttet Shimamoto die Asche ihres Kindes in den Fluss, an dem Hajime einmal als Student entlang gewandert ist. Auf der Rückfahrt droht Shimamoto zu sterben. Hajime kann ihr im letzten Moment das lebensrettende Medikament einflößen.
Lange verheimlicht Hajime seiner Frau die versteckte Leidenschaft. Er lügt sie auch an, bevor er mit Shimamoto in sein Ferienhaus fährt, die Platte auflegt und eine leidenschaftliche Liebesnacht mit ihr verbringt, die Hajimes feuchte Träume endlich wahr werden lassen. Er gewinnt den Eindruck, dass Shimamoto mit ihm sterben will. Sie fragte bereits auf der Hinfahrt, wie es wäre, wenn sie ihm ins Lenkrad griffe.
Am nächsten Morgen ist Shimamoto für immer verschwunden; er kehrt nach Hause zurück in das alltägliche Leben, die Ehefrau geht auf Distanz, er beichtet und wird sich bewusst, dass er sich für die Sehnsüchte und Wünsche seiner Frau nie interessiert hat. Sie stellt ihm frei, die Familie zu verlassen, wenn das sein Wunsch sei. Er entscheidet sich nach längerem Ringen zu bleiben.
Als er den Umschlag mit dem Geld des Fremden in seinem Büro sucht, findet er keine Spur davon. Er vermutet, dass ihn jemand genommen hat.
Hat ihn jemand genommen, hat er ihn verloren oder hat es ihn nie gegeben? Hat es Shimamoto gegeben, nachdem er sie als 12-Jähriger das letzte Mal gesehen hat? Ob Shimamoto als Fiktion in der Fiktion real ist oder real in der Fiktion, bleibt dem Leser überlassen. Selbst als reale Person in Murakamis Fiktion befriedigt sie unterschiedlichste Sehnsüchte und Bedürfnisse des Protagonisten, als verständige Gesprächspartnerin, als Liebhaberin, sie entspricht seinem Schönheitsideal; nach mehreren Operationen zieht sie das Bein nicht mehr nach, ihr Körper ist makellos.
Hajime ist bereit, der Fiktion alles zu opfern, ehe sie schwindet, ehe er sich besinnt, ehe wir uns besinnen. Sobald wir der Fiktion Ausdruck verleihen, ändert sich alles. Westlich der Sonne wartet die Nacht.
Ich habe den Roman „Gefährliche Geliebte“ (oder „Südlich der Grenze, Westlich der Sonne“, wie er in der Übersetzung aus dem Japanischen heißt) in der Übersetzung aus dem Englischen vor vielen Jahren schon einmal gelesen. Über die Art und Weise, wie ich einen Roman erlebe und was ich darüber denke, komme ich mir und meiner Lebenswelt näher als dem Roman, Hajime und den anderen Figuren. Ich weiß, das geht nicht jedem Leser südlich der Grenze und westlich der Sonne so.
Mir fiel es schwer, Hajimes Welt mit seinen Sinnen zu empfinden, Gedanken und Handlungen nachzuvollziehen, gleichwohl ich ihn gerne begleitet habe auf seiner Reise ins Leben, auf den teilweise ausschweifenden Abstechern in magische Welten, die er nicht willentlich zu betreten scheint, in die er hineingerät wie ein tumber Tor auf der Suche nach einem heiligen Ort, der heiligen Person - fast hätte ich Gral geschrieben; die hinreichende Verortung des Ichs und des Ichs in der Welt stellt für alle eine Herausforderung dar, kostet fast alle Blut, Schweiß und Tränen, kann allein, kann ohne soziale Interaktion nicht gelingen, endet erst mit dem Tod und löst sich dort endlich auf.
