Worauf richtet sich meine Aufmerksamkeit und wie lange kann ich bei einem Thema bleiben? Wenn ich die Essays auf meiner Webseite überfliege („durchscrolle“), die ich bisher veröffentlicht habe, drängt sich die Frage auf, weshalb ich nicht bei einem Thema bleibe, warum ich mich nicht fokussieren kann oder will. Große Linien meines Denkens kann ich beim Lesen der Titel nicht erkennen.
Ob die großen Tech Unternehmen nicht besser in der Lage wären vorauszusagen, worüber ich als nächstes schreiben werde? Die Versprechen sind groß, kennen sie mich über meine Suchprofile doch viel besser als ich mich selbst. Ich bin sicher, dass die künstlichen Intelligenzen in den Tech Firmen kein Interesse an dieser Erkenntnis entwickeln werden, da sich damit kein Geld verdienen ließe.
Wie Wirtschaftsunternehmen ihre Umwelt beobachten, ist viel einfacher herauszufinden, als zu prognostizieren, welche Informationen übermorgen in der mir frei zur Verfügung stehenden Zeit aus dem Rauschen der Welt, meines Unbewussten oder meines Denkens konkrete Form annehmen und mich über eine längere Zeitspanne so fesseln werden, dass etwas Greifbares oder etwas Schwarzes auf weißem Grund entstehen wird.
Will man wissen, was einen bewegt, sollte man sich zunächst die Frage stellen, welche Welt, welche Informationen einen gerade umgeben, mit welchen Menschen man in unmittelbarem und mittelbarem Kontakt steht, welche Medien man konsumiert, ob man aus welchen Gründen auch immer im Haus sitzt und virtuell am Leben teilnimmt, sei es, indem man ein Buch liest, Bewegtbilder schaut, auf Sozialen Medien unterwegs ist oder online Videospiele spielt, ob man das Haus verlassen musste, um beispielsweise zu arbeiten, jemanden zu treffen oder eine Ärztin aufsuchen musste oder ob man das Haus freiwillig verlassen hat, weil man vielleicht Sport treiben, in der Natur spazieren gehen oder in der Stadt flanieren wollte, ob man eine Behörde aufsuchen muss oder Freunde, Bekannte oder geliebte Menschen treffen will.
Man kann sich die Frage stellen, was davon geschieht auf eigenen Wunsch, die dann gleich zur nächsten Frage führt, weshalb äußerte sich dieser Wunsch und hat man Einfluss darauf, was man wünscht? Man kann und sollte nicht endlos bohren; in den oberflächennahen Schichten finden sich genügend Schätze, die es zu heben lohnt; oder man bittet nahestehende Personen oder Profis um Hilfe, bohrt man doch immer von einem Standpunkt aus, den man selbst nicht einsehen kann.
Über obige Frage geben viele schlaue Bücher unterschiedlich schlaue Antworten, die sich oft widersprechen und doch trägt es ab und an Früchte, selbst darüber nachzudenken, auch wenn das heißt, den Stein auf den Berg zu rollen, wohl wissend, dass man nie damit auf den Gipfel gelangt; man sollte nicht nur Camus Buch lesen, sondern dem Körper auch die Möglichkeit geben, das Gelesene zu verdauen, es zu transformieren, zu verwerfen oder was auch immer das Ergebnis des Verdauungsprozesses sein mag.
Ich schweife ab, verliere den Fokus; „Der Mythos von Sisyphos“ ist kein Buch, dessen Inhalt sich primär mit Aufmerksamkeit beschäftigt. Hat man es aber verarbeitet - ich habe es selbst noch nicht gelesen -, verändert es das Gehirn nachhaltig und beeinflusst, worauf sich die Aufmerksamkeit zukünftig richten wird und ich wage für meine Person zu prognostizieren, dass die Aufmerksamkeitsspanne und die Tiefe des Denkens durch die Lektüre nicht sinken wird. Wie stieß ich auf Camus? Nun, das Buch empfahl mir eine mir sehr nahe stehende Person.
Heute ist es wieder sehr heiß. Es hat seit Wochen, seit Monaten nicht mehr richtig geregnet im Südwesten Deutschlands. Gerade komme ich von einer Fahrradtour zurück. Als Kajakfahrer interessieren mich die Wasserstände der Flüsse. Die Altrheinarme sind nahezu ausgetrocknet, der Rhein ist fast nur noch ein Rinnsal. So weit, so tief stand ich noch nie im Rheinbett. Auf dem Kiesgrund wachsen Sträucher, Bäume; Blumen blühen, wo ansonsten das Wasser fließt, das das Boot trägt, an einer Stelle, die schon bei normalen Wasserständen die volle Aufmerksamkeit des Kajakfahrers erfordert und erst recht bei Hochwasser.
Die Onlinemedien berichten täglich über die Probleme der am Rhein ansässigen Unternehmen, deren Logistik auf Schiffslieferungen angewiesen sind. Ich sah innerhalb einer halben Stunde kein einziges Schiff auf dem üblicherweise stark befahrenen Streckenabschnitt. Vielleicht ist der Schiffsverkehr gar nicht mehr möglich. Die Redaktionen der Onlinemedien legen fest, welche Informationen eine Nachricht, ein Bericht oder eine Reportage wert sind. Der Leser oder Konsument bestimmt in einer funktionierenden Medienlandschaft in letzter Konsequenz, ob die Redaktionen mit der Auswahl der Informationen und deren Darstellung richtig liegen. Jedes Medium bedient seine Klientel.
Das Thema Aufmerksamkeit scheint sich derzeit zumindest in meiner Blase reger Nachfrage zu erfreuen. Vielleicht liegt das auch daran, dass uns der Gebrauch der digitalen Endgeräte immer noch vor Herausforderungen stellt und wir gerade lernen, damit umzugehen.
Wir haben die Möglichkeit in den Garten des Nachbarn zu schauen, zu sehen, was dort wächst, ihn zu betreten, gar von den Früchten zu naschen, das ist sogar erwünscht. Die wenigsten tun es; die meisten beschränken sich darauf zu schauen, die Nase zu rümpfen, Giftpflanzen zu identifizieren und die Nutzer des Gartens zu diskreditieren, anstatt mit ihnen über das dort Angebaute und Kultivierte zu reden - gut, das ist nicht mit allen Nutzern möglich, aber mit einigen bestimmt. Ist diese Methode im Umgang mit „Content“ nicht allemal besser als einen ideologisierten Faktenchecker zur Wahrheitsfindung - ein sehr komplexer, kontrovers diskutierter Begriff - zu bemühen?
Die wenigsten haben ein Problem damit, ihre Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum zu spannen, eine interessante Reportage in einer Zeitschrift zu lesen. Wir schauen uns Filme am liebsten ohne Werbeunterbrechungen an und wenn uns der Film fesselt, darf er sogar drei Stunden dauern. Bei der Arbeit bleiben wir nicht selten länger als 30 Sekunden bei der Sache; die Lösung eines kniffligen, handwerklichen Problems kann sich über Stunden hinziehen, wobei wir nicht merken, wie dabei die Zeit auf der Uhr verrinnt. Und doch kommt es vielen so vor, als könnten sie sich nicht mehr länger als einen Wimpernschlag konzentrieren.
Ich entschuldige mein Versagen beim endlosen Scollen vor Smartphone, Tablet oder Fernseher gerne damit, dass ich heimtückischen, kommerziellen Algorithmen ausgesetzt bin und nicht anders kann. Denn wir leben im Zeitalter des Reduktionsmus, in der die Maschine als realisiertes Modell einer Fiktion zur Wirklichkeit wird und die Zukunft absehbar vorhersagt, ihr Sinn verleiht, während mir nur ein Steinzeitgehirn zur Verfügung steht, um auf die sich jagenden Veränderungen zu reagieren.
Wir beobachten Nebensitzer im Zug, wie sie von einem Video zum nächsten hetzen, von einer Nachricht zur nächsten; manchmal gelingt es mir, mich selbst dabei zu beobachten. Aber selten denke ich abends darüber nach, wie viel Tageszeit ich diesen Aktivitäten geopfert habe und noch viel weniger, was davon in meinem Gehirn hängen geblieben ist. Vielleicht erholt sich mein Gehirn dabei, vielleicht schadet es. Schade fand ich dieses Verhalten mehr als einmal, wenn ich mir dessen überhaupt gewahr wurde. In solchen Momenten kommt mir das sinnlos vor. Ob tagträumen keine sinnvollere Alternative wäre?
Minisinn ergibt sich, wenn ich einen Zustand in die Zukunft projiziere, mir vielleicht überlege, wie ich dahin gelange, mich auf dem Weg dorthin wahrnehme, Widerstände überwinde und ankomme oder auch nicht. Erfüllung gibt es auch im Scheitern. In solchen Unterfangen simuliere ich das Leben. Eine Idee wird geboren und stirbt mit ihrer Erfüllung. Das gilt auch, wenn ich eine Reise oder ein Projekt für eine Gruppe initiiere oder an einer Reise oder einem Projekt mit einer Gruppe teilnehme, wobei ich an einer Gruppenreise nicht mit meiner Person teilnehme, sondern nur mit Teilaspekten meiner Persönlichkeit (vgl. meine früheren Essays).
Die Suche nach dem Sinn des Lebens beschäftigt uns meist erst in Krisenzeiten und sei es auch nur in einer Minikrise. Das Leben beginnt mit der Geburt; wir wurden nicht gefragt, ob wir geboren werden wollen; irgendwann erfüllt sich das Leben, indem wir sterben. Wenn wir Glück haben, liegt ein langes Leben dazwischen und viel freie Zeit. Die Kontinuität des Lebens findet allein schon darin Ausdruck, dass ein Atemzug dem nächsten folgt, selbst wenn dieser künstlich herbeigeführt wird in der Hoffnung, dass der Körper irgendwann wieder alleine zu atmen vermag. In größter oder eingebildeter Not können wir immer noch unsere Aufmerksamkeit auf den Atem lenken, ihn beobachten - das hat bei mir neulich nicht funktioniert, als ich in eine MRT Röhre gefahren werden sollte. Wer den Sinn des Lebens nicht findet, findet vielleicht hin und wieder einen Minisinn.
Die Emergenz der Idee für diesen Essay, der meine Konzentration über Stunden fesselte, ging einher mit dem Lesen eines Artikels, eines Interviews mit der Philosophin Sarah-Jane Murray (die Fragen stellte Alix l‘Hospital) in L’Express vom 13.08.2026, über die Aufmerksamkeitsproblematik in der modernen Welt und die damit verbundenen zunehmenden gesellschaftlichen und persönlichen Herausforderungen. Die Philosophin argumentiert, dass es sich keineswegs um ein neues Phänomen handelt, sondern natürlich schon die antiken Philosophen darüber geredet und geschrieben haben.
Ich kann das Lesen des Interviews für Interessierte und Laien wie mich nur empfehlen. Man mag mir dann vorwerfen, ich hätte das ein oder andere abgekupfert. Aber allein schon das setzt voraus, dass man sich längere Zeit auf etwas konzentriert und das Gelesene auf eigene Art verdaut hat.
Für einen Augenblick verlor ich die moderne Welt aus den Augen: Wer für eine solche Analyse ein Large Language Model (LLM) oder ein anderes Programm benutzt, bringt sich um die Früchte des Lesens und Denkens; ein bisschen Nährwert (Fett und Zucker) dürfte selbst die Zusammenfassung eines LLMs noch liefern.
Soll ich mich freuen, wenn Gelesenes in Essays, Artikeln, Büchern oder Gehört- und Gesehenes in Videos oder in Liveauftritten bekannter Persönlichkeiten weitgehend die Ergebnisse meiner eigenen Überlegungen bestätigt? Sollte mich das nicht eher stutzig machen? Warum sollte ich zufällig aufeinander folgenden Ereignissen eine Geschichte aufzwingen, die Geschichte eines Lebens, einer Reise, eines Projekts erzählen, dem Leben, der Reise, dem Projekt Sinn verleihen, die Aufmerksamkeit der Mitmenschen in Beschlag nehmen? Ein Atemzug folgt dem nächsten. Vielleicht sind andere Begebenheiten von größeren Bedeutung für das Überleben der Menschheit.
Ist es heutzutage nicht wichtiger, dass alles schnell geht, wir in der Lage sind, in einer lebensfeindlichen Welt sofort zu reagieren, ist die scheinbar um sich greifende atomisierte Aufmerksamkeitsspanne nicht ein evolutionärer Vorteil? Muss das eingeübt werden? Hat die Erzählung, die Konzentration über Stunden hinweg nicht ausgedient, weil die Maschinen diese viel schneller und genauer verarbeiten können? Wozu Lesen lernen, wenn einem alles vorgelesen wird? Wozu rechnen lernen, wenn das Maschinen viel schneller und fehlerfreier erledigen? Wozu selber denken, wenn das andere für einen tun? Ist es ein Zufall, dass sich der menschliche Körper, insbesondere das Gehirn, über Generationen hinweg so langsam verändert, dass Ratschläge, die Menschen vor Tausenden von Jahren formulierten, noch heute zu uns sprechen? Und doch verändert sich Körper und Gehirn von Generation zu Generation. Wie stellen wir uns die Zukunft vor? Wer gestaltet sie? Wollen wir daran teilhaben oder suchen wir die bequeme Nische? Um einfache Antworten wäre selbst ich nicht verlegen. Hüten wir uns davor.
Es richtet keinen Schaden an, von Zeit zu Zeit die Aufmerksamkeit auf die eigene Geschichte zu lenken, auf das Tun und Lassen, innere Regungen, die in Handlungen mündeten, die einem später leid taten oder uns die Achtung unserer Mitmenschen eintrugen (frei nach Montaigne), in der Erinnerungen nach Verbindungen zu suchen oder diese meinetwegen immer wieder neu zu konfigurieren. Die Erfahrungen des Lebens sind ein Schatz, der mit unserem Tode untergeht, wenn er sich in unserem Tun und Lassen nicht widerspiegelt.
Bin ich beim Thema geblieben? Ich habe es versucht und dabei dazugelernt.