The Essay Collective

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Frühstück bei Tiffany von Truman Capote

Sonntag, 9. August 2026 · ...
Weil die Erinnerung das Vergessen befiehlt, pflegt die Protagonistin einen flüchtigen Lebensstil und sehnt sich doch nach einem Lebensentwurf, einer Stabilität, die sie nie kennengelernt hat, insgeheim wissend, dass sie sie nie erreichen wird; sie gibt sich der Illusion einer Ehe mit einem brasilianischen Politiker hin, ist sich deren Brüchigkeit aber immer bewusst.
Dass Capote Hollys traumatische Kindheit immer nur kurz andeutet und den angehenden, vermutlich homosexuellen Schriftsteller, der Hollys Geschichte erzählt, ihre Gegenwart als Mischung zwischen Party-Girl, It-Girl und Sugarbabe ausleuchten lässt, macht den Reiz des Show-don’t-tell Erzählstils aus.
Aus den Boulevardblättern erfahren wir von Hollys Schönheit, vom Schriftsteller, dass sie das Herz auf dem rechten Fleck trägt. Als Mittel gegen depressive Schübe oder trübe Erinnerungen verordnet sich Holly manchmal Drogen, aber viel öfter das Frühstück bei Tiffany, wo die Männer schöne Uniformen tragen und sich zu benehmen wissen. Mitglieder der höheren Gesellschaft, die Holly kennenlernt und gerne ausnimmt und die sich die angehimmelten Schmuckstücke aus Gold und Diamanten leisten können, verhalten sich widerwärtig, falsch oder feige. Nur wenn Tiffany unerreichbar bleibt, behält es den Zauber, das Heilige.
Ein Ereignis jagt das nächste; kaum ein Satz ist überflüssig; der Leser konstruiert das Narrativ, wie aus den einzelnen Szenen eines Films; dem Leser gelingt fast, was der Protagonistin verwehrt bleibt. Mir gelang es, einen Anfang, eine Abfolge von verketteten Ereignissen zu konstruieren; aber das Ende bleibt offen.
Die Verschränkung von Erlebtem und Erleben verleiht der Gegenwart aus Sicht der Vergangenheit Sinn; in der Zukunft wird die Protagonistin, der die meisten Leser Sympathie entgegenbringen dürften, die sie vielleicht ins Herz schließen, von einem Punkt zum nächsten hüpfen, ohne dass die Punkte durch Linien verbunden wären, Linien, denen Proust auf der Suche nach der verlorenen Zeit so leidenschaftlich nachgeht, ohne dass Holly jemals irgendwo ankommen wird mit der immer wiederkehrenden Depression als ständigen Begleiterin.
Der offene Schluss stellt die Kraft des Narrativs, das dem Leben Sinn verleiht, in Frage. Man kann daran glauben oder auch nicht, für die Protagonistin, für einen selbst; Capote führt den für den Leser Glück verheißenden Erzählstil damit an den Rand des Abgrunds, weil er sein Versprechen nicht für jeden einlöst; ein Happy-End gibt es nur für die Katze.
Der Sternenhimmel sieht nur deswegen jeden Abend gleich aus, weil das Licht so lange braucht, bis es uns erreicht. Wenn wir genau genug hinschauen, verliert das Ewigkeitsversprechen seine Magie. Eine jede und ein jeder geht mit der Vertreibung aus dem Paradies auf ihre oder seine Weise um, der Schriftsteller, Holly, der Kater, wir.