The Essay Collective

The Essay Collective

Total Accomplishment - Eine Ausstellung von Mathew Day Jackson im Jahre 2013 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM)

Dienstag, 4. August 2026 · ...
„Nur Einbildungskraft und innere Überzeugung sind imstande, gewisse Wesen, gewisse Dinge von allen anderen zu unterscheiden und eine Aura zu erschaffen.“ (aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 3 Guermantes“ von Marcel Proust in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens, revidiert von Luzius Keller und Sybilla Laemmel).
„Total Accomplishment“ hieß eine Einzelausstellung von Matthew Day Jackson, die ich im Jahr 2013 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe besuchte. Ein Poster der Ausstellung in schwarz-weiß ziert noch Jahre später die Korkwand meines Wohnzimmers. Es zeigt Aufnahmen vor und nach dem Atombombentest Operation Cue in der Nähe von Las Vegas im Mai 1955, in dem die Federal Civil Defense Administration der USA die Auswirkungen eines Atomschlags auf die zivile Infrastruktur untersuchen wollte.
Dazu wurden unter anderem fünf damals in den USA gängige Häusertypen in einiger Entfernung des Explosionszentrums aufgebaut und mit entsprechender Inneneinrichtung und Schaufensterpuppen ausgestattet. Die Fotos auf dem Poster zeigen das Innere einiger Häuser vor und nach der Detonation. Im Internet fand ich einen etwas naiven Werbefilm des Experiments, den ich nur empfehlen kann. Bereits 24 Stunden nach der Explosion durften ausgesuchte Personen, darunter Journalisten, Kameraleute und Wissenschaftler das Testgelände besichtigen (Quelle: der Werbefilm) und sich selbst ein Bild von den Verwüstungen machen (war das dann tatsächlich ein Atombombentest?). Ich konnte nicht herausfinden, in welcher Entfernung vom Epizentrum dieses Testgelände aufgebaut worden war.
Ein zweite Modellsiedlung soll näher am Epizentrum platziert gewesen sein. Davon zeigte der kurze Film keine Bilder nach der Detonation. Vielleicht rieselte diese Siedlung nach und nach als Fallout auf die nähere und weitere Umgebung des Ground Zero oder fällt uns in winzigen Spuren noch heute auf den Kopf. 
Marcel Proust ist ein Meister darin, die Aura der Lebenswelt der feinen Gesellschaft aus einer abgenutzten Fußmatte in so hinreißenden, schier unzähligen Worten über Seiten hinweg aufleben zu lassen, dass wir daran glauben wollen, nur um sie hernach in einem Atemzug, genauer, mit einem Ausatmen zu zerstäuben. Wir müssen nicht fürchten, können uns vielmehr glücklich schätzen, dass Prousts Worte in uns weiter strahlen.
Wer das Denken des lyrischen Ichs in den auf der Webseite „www.theessaycollective.de“ gesammelten Essays ein wenig kennengelernt hat, wird meine Sympathie für den oben zitierten Satz von Proust nachvollziehen können und verstehen, dass ich ihn etwas anders formulieren würde; auf die Einschränkung auf „gewisse“ Wesen und „gewisse“ Dinge würde ich verzichten. Wesen und Dinge, die sich in uns manifestieren und für die wir eine Aura erschaffen, manch ein Neurowissenschaftler würde formulieren, für die die rechte Gehirnhälfte eine Aura erzeugt, gehen auf eine Unterscheidung zurück, die wir selbst konstruieren und mit einem Begriff benennen.
Die Lektüre von Proust erlaubt uns, dem Protagonisten bei diesem Prozess zuzuschauen und zu verfolgen, wie dabei eine Fiktion der Lebenswirklichkeit, wie Kohärenz entsteht. Wie bereits an anderer Stelle bemerkt, zeigt Proust auch den Prozess der Auflösung der Fiktion und den Aufbau einer neuen tragfähigen Konstruktion aus deren Trümmern.
Lebenswirklichkeiten entstehen nicht nur in unserem Gehirn sondern auch in gesellschaftlichen Gruppen. In der Analyse der Kommunikation einer solchen Gruppierung, Partei oder Blase erschließt sich die konstruierte Welt. Entspricht sie der unseren, fällt uns das Konstrukt nicht weiter auf, sondern verstärkt unsere Sicht der Dinge.
Vielleicht wollte die Regierung der amerikanischen Öffentlichkeit die Bilder von Hiroshima und Nagasaki nach der Detonation der Atombomben nicht zumuten. Wie sich ein atomarer Angriff auf eine Zivilbevölkerung auswirkt, dürfte weitgehend bekannt gewesen sein. Operation Cue verfolgte sicher auch das Ziel, die Bevölkerung auf die atomare Aufrüstung einzustimmen, dafür zu werben und der Furcht vor einem atomaren Schlag eines Feindes etwas Einhalt zu gebieten. Die wirkmächtigen Bilder und die naiven Filme sorgten zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg für mehr Kohärenz, als es Worte je vermocht hätten und erreichten auf diese Weise, dass der Großteil der Bevölkerung die vorgelegten Unterscheidungen unreflektiert ins eigene Denken kopierten.
Viele beschreiben den Einbruch der Künstlichen Intelligenz in die öffentliche Wahrnehmung, deren Anwendung und den zu erwartenden Siegeszug in vielen Bereichen des täglichen Lebens und insbesondere in der Arbeitswelt als die Atombombe des 21. Jahrhunderts.   
Die mentale und soziale Weiterentwicklung des Menschen ist nicht so evident, wie sich unsere Lebensverhältnisse aufgrund der technischen Entwicklungen verändert haben. Die Anwendung der Erkenntnisse der positiven Wissenschaften determiniert die Veränderungen in Gesellschaften. Wie als Antwort auf die immer weiter steigende Komplexität zerfällt sie in immer kleinere Gruppierungen, aber nicht von Menschen, sondern von Sinnzusammenhängen, in denen die oder der Einzelne Kommunikationsbeiträge in Gesten, Mimik, Worten und Werken beisteuert oder auch nicht.
Die positiven Wissenschaften geben Antworten auf spezifische Fragen, aus deren Anwendung entstehende Produkte befriedigen Bedürfnisse; die Atom- und die Wasserstoffbombe befriedigen das Bedürfnis nach Sicherheit und Abschreckung vor potenziellen Feinden, die falls nicht vorhanden gesucht oder geschaffen werden, um Kohärenz innerhalb einer Nation zu erreichen; sie versprechen nationale Selbstbestimmung, hinter der sich doch meist nur Eliten verstecken, um Macht und Reichtum zu akkumulieren.
In uns lebt immer noch der Steinzeitmensch. Dystopien wie „The Road“ von Cormack McCarthy, verleiten zu dem Gedanken, dass das sinnvoll sein könnte. Oder ist es eher so, dass die genetische, biologische und kulturelle Evolution unser Denken prägt und bestimmt und wir deswegen auf Verhältnisse zustreben, in der kleine Stämme jagen, sammeln, plündern und zur Not auch Artgenossen verspeisen, wenn das Überleben ansonsten nicht gesichert werden kann? Die Angst vor einer atomaren Apokalypse war im öffentlichen Denken in der zweiten Hälfte des letzten Jahrtausends viel präsenter als heute.
Die Angst vor der nächsten Apokalypse ist schon heraufgezogen und hat die Angst vor der atomaren Auslöschung verdrängt. Massenentlassungen drohen; der Wert der menschlichen Arbeitskraft geht gegen Null, weil die industrielle Reservearmee nahezu auf die Anzahl der Menschen auf dem Planeten anwachsen wird - sie bewegt sich ja heute schon auf einem Pegel von mehreren Milliarden; die Künstliche Intelligenz wird der menschlichen in wenigen Jahren überlegen sein, die Macht übernehmen oder von einer kleinen menschlichen Elite kontrolliert werden; der Mensch wird überflüssig; ….
Bedeutet das nun die Vollendung der Versprechen der positiven Wissenschaften, die immer mit Narrativen von Allmachtsphantasien einhergehen; ist Total Accomplishment in greifbarer Nähe? Wird es dazu führen, dass wir alle Zeit der Welt zur freien Gestaltung haben, während die Maschinen alle lästigen Arbeiten übernehmen oder würden wir in McCarthys Dystopie enden?
„Nur Einbildungskraft und innere Überzeugung sind imstande, gewisse Wesen, gewisse Dinge von allen anderen zu unterscheiden und eine Aura zu erschaffen.“ Die Unterscheidung ist der erste Schritt der Analyse, die Aura lässt das große Ganze fühlen, macht es für den Verstand greifbar.
Was faszinierte den Erzähler in Prousts Roman „À la recherche du temps perdu“ in der Welt des alten Adels, im Salon der Herzogin Guermantes, in der der Geschmack, galante Auftritte und Esprit wichtiger waren als Wissen, als die Stellung in Politik und Wirtschaft, in dem Künstler, Literaten, Musiker und die feine Gesellschaft, hochrangige Politiker, der Geldadel seiner Zeit ein- und ausgingen, den der Erzähler en détail sezierte und wieder auferstehen ließ, in einer Zeit, in der das positive Wissen und deren technologische Anwendungen explodierten wie die Bomben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs?
Mich fasziniert die Lektüre auch wegen der Fragen, die sie aufwirft. Ich finde darin so viele Ideen und Sätze wie den obigen, dem man zustimmen kann oder auch nicht, selbst wenn er Operation Due, die von Untergangspropheten und Hasspredigern vorausgesagten Apokalypsen und die Zukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts nicht auf den ersten Blick erhellt. Die Vorteile des geschriebenen Wortes habe ich an anderen Stelle bereits gerühmt. Vielleicht kommt man Untergangspropheten, Hasspredigern, ihren Epigonen und Heilsbringern aller Art auch einfacher mit der Frage auf die Schliche, wer, wann, wo, wie, von wem profitiert oder indem man die mit den Auftritten und Shows verbundenen Zahlungsströme analysiert.
Das Leben ist immer ein Streben nach Sinn oder für die pragmatischen Seelen, ein Setzen und Erreichen von Zielen, ohne dabei den Weg und den Genuss aus den Augen zu verlieren, das mit ständigen Versuchen einhergeht und Total Accomplishment ausschließt, selbst wenn wir uns die Folgen eines Siegeszugs der Künstlichen Intelligenz vorstellen.