The Essay Collective

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Von der Reise ans Ende der Welt kehren nur die Engel zurück

Samstag, 1. August 2026 · ...
Ich reise gerne, aus Neugier, um Neues zu entdecken, weil ich Abwechslung suche vom Alltag, um hohe Berge und das Meer zu erleben, das Leben in anderen Ländern zu beobachten, zu vergleichen mit der mir bekannten Lebensweise, um in fremde Städten, über Plätze, durch Fußgängerzonen, Straßen und Geschäften zu flanieren, Gebäude, Museen und die Artefakte und Kunstwerke darin zu bestaunen, um zu essen und zu trinken, um pittoreske Dörfer, Burgen, Schlösser zu besichtigen, Landschaften, Flora und Fauna zu erleben.
Am Liebsten erkunde ich das Fremde oder schon Bekanntes und lieb Gewordenes fern der vertrauen Gefilde zu Fuß - mal abgesehen vom Essen und Trinken - ohne festen Plan im Vorbeigehen, nachdem ich mich zu Hause über Sehenswertes und Sehenswürdigkeiten informiert habe. Auf diese Weise lerne ich nicht alles kennen, was man gesehen haben muss. Das bedauere ich im Nachhinein selten. Je mehr Eindrücke das Bewusstsein fluten, desto weniger davon stellt die Erinnerung Jahre später bereit.
Wer so intensiv und tief erlebt wie Proust - ich lebe beinahe am anderen Ende des Spektrums-, kann kaum mehr als ein kleines Dorf mit einem markanten, geschichtsträchtigen oder architektonisch wertvollen Gebäude bewältigen oder besitzt die Fähigkeit, alle anderen einprasselnden Impressionen auszublenden, wird den Blick nur auf eines von Tausenden Gemälden einer Museumsgalerie richten, auf die Seele wirken lassen, Fragen formulieren, Antworten finden, einordnen, das Besondere feiern, vielleicht dessen Geheimnis, Zauber, Heiliges in Worte fassen, die nur wenige werden nachvollziehen wollen, weil sie so viel Konzentration einfordern und die holistische Kontemplation der Impressionen bisweilen überfordern.
Manch einer sucht das Abenteuer, den Nervenkitzel, die körperliche Herausforderung in exotischen Welten, in der Arktis, im Dschungel, im Hochgebirge oder in der Wüste, radelt Tausende Kilometer, wandert über die Alpen, den Jakobsweg oder quer durch Europa, segelt um die Welt, fährt im Van oder im Auto oder auf dem Fahrrad von einer europäischen Hauptstadt auf dem Landweg nach Peking. So mannigfaltig wie die Abenteuer und Herausforderungen, sind es auch die Motive?
Lebensgefährliche Reisen und Abenteuer erfordern akribische Planung und Vorbereitung, die Geschichten füllen Regalreihen in Buchhandlungen, verleihen dem Leben existenzielle Bedeutung, stimulieren mit körpereigenen Drogen, schaffen und nähren das Ich, verschieben die Grenzen des Vorstellbaren, wenn das Vorhaben gelingt. Es gibt Städte oder Stadtviertel in bekannten Metropolen, in denen das Flanieren Gefahr für Leib und Leben begleitet. Kaum ein Ort der Erde bleibt auf Dauer menschenleer. Ist die Welt gefährlicher geworden als früher oder kommt uns das nur so vor? Und kehren von der Reise ans Ende der Welt nur Heldinnen, Helden und Engel zurück? 
Während einer Reise nehmen wir Urlaub vom Alltag und manchmal ist der Urlaub abseits vom Zuhause vom Reisen kaum zu trennen; meistens suchen wir während des Urlaubs Abstand vom alltäglichen Einerlei, vom alltäglichen Stress, fahren an einen uns bekannten Ort, wandern, gehen spazieren, bleiben im Hotel, gehen ins Meer, tauchen, surfen, paddeln, suchen selbst im unbekannten Ort, was wir erwarten, suchen die Erholung mit einer wohl dosierten, ungefährlichen Prise Exotik. Kleinkindern ist es egal, ob sie im Sand auf einer Insel in den Malediven, Tahiti oder einem Badesee 3 km vom Zuhause entfernt mit den Eltern Sandburgen bauen oder im Wasser planschen.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam das Reisen in größeren Bevölkerungsschichten in Mode und erlaubte Europa enger zusammenzuwachsen und weckte bei manchen Urlaubern und Reisenden gar Interesse für die fremde Sprache und Kultur. Technische Entwicklungen in Verkehrsinfrastruktur und Verkehrsmitteln setzen gigantische Menschenmengen und Zahlungsströme in Bewegung, weil Züge, Autos und Flugzeuge den Raum in immer kürzerer Zeit und immer günstiger zu überwinden erlaubten.
Sollte Reisen wieder Privileg weniger Begünstigter wie Reiche, Geschäftsleute, Wissenschaftler, Sportler, Künstler, Kader jeglicher Art werden, sollte der kleinen Mann und die kleine Frau nur initiiert von staatlichen und privatwirtschaftlich organisierten Reisebüros auf kriegerischen Feldzügen reisen, von denen es auf der Welt ohnehin schon viel zu viele gibt - wie schrecklich das klingt-, um die negativen Folgen des Massentourismus in vielen Landstrichen und Städten zu mildern oder gar zu korrigieren, um den Planeten zu retten oder finden wir andere Lösungen?
Die wenigsten kennen Proust und noch weniger empfinden so tief wie er. Mich erstaunt, beseelt und bereichert seine Tiefenschärfe, die Reise in sein Denken immer wieder, es wirkt bisweilen geradezu exotisch auf mich.
Am Ende kehren von der letzten Reise nur Engel zurück und die auch nur, solange es Menschen gibt, die an sie glauben.